Sonntags nie - von Mary Ellen Edmunds

Veröffentlicht auf von Bettina Siebert

In meiner Kindheit in Samoa bekamen meine Freunde und ich vom Schwimmen nie genug, es war einfach unsere Lieblingsbeschäftigung. Ich weiß noch, wie ich mit vier Jahren nach der Sonntagsschule mit meinen Freunden schwimmen gehen wollte, als gäbe es an den übrigen sechs Tagen der Woche zusammengenommen nicht genug Zeit zum Spielen. Ich bin aber in einer guten Mormonenfamilie aufgewachsen und weiß noch genau, wie meine gute Mutter sich bemühte, mir die Sabbatheiligung beizubringen.

 

Mutter löste das Problem, indem sie mich an die heiligen Schriften heranführte, Sie wußte, wie gern ich mich vor anderen in Szene setzte, indem ich aus Büchern rezitierte, und so fragte sie mich, oh ich nicht lernen wolle, Schriftsteilen zu lesen und aufzusagen. Ich war ganz außer mir vor Freude über diese Chance, und so sagte sie: „Also gut, wir setzen uns jeden Sonntag nach dem Essen hin, und ich helfe dir, Schriftstellen aus diesen beiden Büchern zu lernen." Dabei hielt sie die: Bibel und das Buch Mormon hoch. Die ersten Stellen, die ich auswendig lernte, waren die Zehn Gebote und der erste Psalm. Dann lernte ich, die Geschichte von Lehis Familie aus dem Buch Mormon nachzuerzählen. Je mehr ich lernte, desto mehr wurden die in diesen Schriftstellen enthaltenen Grundsätze zu einem Teil meines Lebens. Dies wurde durch das Vorbild meiner Eltern noch verstärkt, denn sie lebten mit großer Glaubenstreue nach dem Evangelium. Als ich 1962 zum College ging, waren die Lehren meiner Eltern fast in mir verwurzelt.

 

Ich besuchte das Church College in Hawaii (heute Brigham Young University - Hawaii Campus) und blieb dort auch nach dem Tod meiner Mutter am 2. April 1964. (Mein Vater war schon in meiner Kindheit gestorben.) Meine Mutter hatte mich finanziell voll unterstützt, und durch ihren Tod war ich plötzlich mittellos.

 

Einige Monate nach ihrem Tod wurde ich mit meinem Studium und dem Leben in Hawaii sehr unzufrieden und suchte daher um einen Wechsel des Studienplatzes an. Da mein Bruder Tu'ualofa damals in Tempe in Arizona lebte, riet man mir, ich solle mich um einen Studienplatz an der Arizona State University bewerben. Ich wurde angenommen, und Tempe wurde für ein Jahr meine neue Heimat. Im Jahr 1966 verspürte ich den Wunsch, nach Salt Lake City zu ziehen und dort meine Ausbildung fortzusetzen. Nach der Ankunft in Sah Lake City zog ich eine Handelsakademie in Betracht, deren Lehrplan mir sehr zusagte. Ich entschloß mich, dort weiterzustudieren, besaß aber nur 30 Dollar. Glücklicherweise ließ es sich einrichten, daß ich die Lehrveranstaltungen besuchen und meine Studiengebühr während des ersten Quartals in Raten bezahlen konnte. Ich war also gezwungen, eine Verdienstmöglichkeit zu finden.

 

Während meiner ersten Woche in Salt Lake City bin ich täglich wohl dreißig Straßen abgelaufen, um eine Teilzeitarbeit zu finden. Die meisten Geschäfte, in denen ich vorsprach, brauchten vollzeitige Angestellte, aber ich hinterließ trotzdem meine Bewerbung um eine Teilzeitstelle an mehreren Stellen. Zu meinem Erstaunen hatte ich schon nach wenigen Tagen eine ganze Reihe von Angeboten. Leider wurde in allen Fällen Sonntagsarbeit verlangt, und zwar am Nachmittag. Das bedeutete, daß ich jeden Sonntag die Abendmahlsversammlung versäumen würde. Ich dachte gründlich über die Sache nach. Ich brauchte das Geld dringend, aber die Sonntagsarbeit würde bedeuten, daß ich eins der Gebote des Herrn brach, die ich schon als Kind gelernt hatte. Ich wußte, wenn meine Eltern noch gelebt hätten, so hätten sie es nicht zugelassen, daß ich eine dieser Stellen annahm. Als Hilfe für eine richtige Entscheidung wandte ich mich an einen guten Freund um Rat. „Ich habe noch nie am Sonntag gearbeitet", sagte ich ihm, ,,Der Gedanke, die Versammlungen zu versäumen, stört mich. Ich möchte die Gebote des Herrn nicht brechen." ­­

„Ich bin sicher, der Herr weiß, was du brauchst", erwiderte er.  „Wenn dir der Herr jetzt keine andere Arbeit gibt, nimmst du sie vielleicht doch lieber an." Irgendwie war mir bei diesem Rat nicht wohl. „Meinst du wirklich, der Herr entschuldigt es, wenn ich am Sonntag arbeite und die Abendmahlsversammlung versäume?'' fragte ich. „Ich bin sicher, der Herr nimmt Rücksicht auf deine Bedürfnisse", sagte er. „Gerade jetzt brauchst du eben Arbeit, um deine finanziellen Bedürfnisse zu decken. Ich meine, du sollst die Arbeit annehmen." So entschloß ich mich eben, in einem Eisgeschäft als Kassierer zu arbeiten. Am darauffolgenden Samstag ging ich hin, um mich einweisen zu lassen, und am Mittwoch sollte ich zu arbeiten beginnen. Aber schon am Montag befand ich mich wieder im Büro meines Freundes.

 

„Ich glaube nicht, daß es richtig ist, wenn ich am Sonntag arbeite'', sagte ich. Er machte ein ernstes Gesicht. „Was hast du also vor?" fragte er. „Die erste Rate deiner Studiengebühr ist bald fällig."

 

Nachdem wir ein wenig geredet hatten, drängte er mich erneut, die Arbeit anzunehmen, und ich sagte, ich würde es mir überlegen. Trotzdem war mir bei seinem Rat noch immer nicht wohl zumute, und auf dem Heimweg gelangte ich zu dem Schluß, daß ich mich mit meinem Problem nur an den himmlischen Vater wenden konnte. Sonst schien ja niemand zu verstehen, wieviel mir dieses Gebot bedeutete, das ich mein Leben lang befolgt hatte. Als ich in meinem Zimmer allein war, kniete ich mich also nieder und betete zum himmlischen Vater. Ich schilderte ihm mein Problem in allen Einzelheiten und sagte, ich sei bereit, in allem seinen Willen zu tun. Dann sagte ich, ich würde Glauben haben, was immer er auch antwortete.

 

Ich fühlte mich danach sehr erleichtert, als wäre mir eine Last von den Schultern genommen worden. Ich nahm meine Bücher und ging mit einem glücklichen und ruhigen Gefühl zur Vorlesung.

 

Am selben Nachmittag erhielt ich einen Anruf vom Leiter eines großen Geschäfts im Stadtzentrums. Ich hatte mich dort mehrere Wochen zuvor um Arbeit beworben, aber noch keine Nachricht erhalten. Ich erfuhr, daß ich den Mathematiktest mit einer hohen Punktezahl bestanden hatte und die Stelle eines Verkäufers bekommen sollte, der die Firma verließ. Ich konnte schon am nächsten Tag nach den Vorlesungen am Vormittag zu arbeiten beginnen und würde sechs Tage pro Woche arbeiten - von Montag bis Samstag.

 

Ich legte den Hörer auf und lief mit Tränen der Freude und Dankbarkeit in mein Zimmer. Wieder kniete ich mich hin, um dem himmlischen Vater für seine Güte zu danken. Anstatt zuzulassen, daß ich eins seiner Gebote brach, hatte er mir eine andere Arbeit zukommen lassen.

 

Nach dem Gebet saß ich still auf meinem Bett. In meinen Gedanken bildeten sich die folgenden Worte, so, als würde ich sie in großen Buchstaben lesen: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!“ Diese Botschaft wurde mir erneut eingeprägt.

Nun wußte ich aus eigener Erfahrung, daß der Herr keinen Kompromiß schließt, wenn es um seine Gebote geht. Ich weiß ohne Zweifel, daß der Herr uns einen Weg bereiten kann und es auch tut, so daß wir auf eine Weise für unsere persönlichen Bedürfnisse sorgen können, die vor ihm angenehm Ist. Dem Herrn ist nichts unmöglich.  

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