Der Sonntag bei den Heiligen der Letzten Tage – von William G. Hartley

Veröffentlicht auf von Bettina

Wie wurde zu Lebzeiten von Joseph Smith der Sabbat begangen? Haben wir auch von anderen Sabbat Vorstellungen übernommen? Was für öffentliche Gottesdienste gab es, bevor wir unsere geräumigen, geheizten Gemeindehäuser hatten? Warum wurde die Priestertumsversammlung von der Woche auf den Sonntag verlegt? Warum wurde der Fasttag vom ersten Donnerstag auf den ersten Sonntag des Monats verlegt? Was war beim Abendmahl anders? Was verstanden die Generationen vor uns unter dem richtigen und falschen Verhalten am Sabbat?

Aus den Antworten auf solche Fragen geht hervor, daß der heutige geschäftige Sabbat der Heiligen der Letzten Tage sich in manchen Einzelheiten von den Sabbatgewohnheiten früherer Generationen unterscheidet. In den vergangenen 154 Jahren haben die Propheten wiederholt Änderungen der Sabbatgewohnheiten genehmigt, um den Veränderungen im Leben der Mitglieder gerecht zu werden. Als die Kirche am 6, April 1830, einem Dienstag, gegründet wurde, war noch nicht durch Offenbarung geklärt worden, wie der Herr sich den Sabbat der Heiligen vorstellte. In einer Offenbarung wurde ihnen geboten: „Es ist ratsam, daß die Gemeinde sich oft versammelt, um zum Gedächtnis des Herrn Jesus vom Brot und Wein zu nehmen." (LuB 20:75.) Es stand allerdings nicht dabei, daß das sonntags zu geschehen hatte. Erst sechzehn Monate später wurde das Abendmahl durch Offenbarung mit dem Sonntag in Verbindung gebracht. (Siehe LuB 59.) 

Was taten also die Mitglieder damals am Sonntag? Im wesentlichen begingen sie den Tag genauso wie vorher als Protestanten. Die meisten stammten aus Neuengland und hatten deshalb ihre festen Sonntagsgebräuche. Ihre Vorväter aus der Kolonialzeit hatten die Sabbatheiligung gesetzlich geregelt; dazu hatte der regelmäßige Besuch des Gottesdiensts gehört, außerdem waren weder Arbeit noch geschäftliche Betätigung noch unnötige Reisen erlaubt gewesen. Zur Zeit von Joseph Smith war die Verpflichtung zum Sabbat als heiligem Ruhetag in der amerikanischen Gesellschaft noch immer vorherrschend; allerdings war es in Grenzgebieten wie beispielsweise Missouri auch üblich, daß man sich nicht mehr so streng daran hielt.

In manchen Kirchen gab es 1830 zwei Predigtgottesdienste, einen vormittags und einen nach dem Mittagsessen. Die damaligen Heiligen, die ja damit vertraut waren, übernahmen dieses Schema. (Dieses grundlegende Schema mit zwei Versammlungen am Sabbat wurde in den USA und vielen anderen Ländern beibehalten, bis 1980 in der Kirche das Kompaktversammlungsschema  eingeführt wurde.)

Die erste Sabbatversammlung der Heiligen der Letzten Tage, von der wir nähere Einzelheiten wissen, war eine Konferenz vom 9. Juni 1830. Joseph Smith hat dazu festgehalten:

 „Nach der Eröffnung mit Singen und Gebet nahmen wir gemeinsam von den Symbolen des Körpers und Blutes unseres Herrn Jesus Christus. Dann konfirmierten wir mehrere, die in letzter Zelt getauft worden waren, worauf wir mehrere zu den verschiedenen Priestertumsämtern aufriefen und ordinierten. Viel Ermahnung und Belehrung wurde erteilt." {History of the Church, 1:84.)

Hier sehen wir gerade zwei Monate nach der Gründung der Kirche die Grundelemente auch unserer heutigen Abendmahlsversammlung: Gebete, Abendmahl, Predigen, Singen.

Einen Monat nach dieser Versammlung bestätigte der Herr noch einmal die Bedeutung des Singens, indem er Emma Smith, die Frau des Propheten, anwies, „eine Auswahl von heiligen Liedern zu treffen", die in den Versammlungen der Kirche verwendet werden sollten. „Meine Seele erfreut sich am Lied des Herzens; ja, das Lied der Rechtschaffenen ist ein Gebet zu mir", sagte der Herr. (LuB 25:11-12.) Das Gesangbuch von Emma Smith, das zwar keine Noten aber dafür den Text zu neunzig Kirchenliedern enthielt, wurde dann fünf Jahre später gedruckt.

Unsere ausführlichste Offenbarung zum Sabbat, nämlich Lehre und Bündnisse", Abschnitt 59, kam im August 1831. Hier gebietet uns der Herr: „Und damit du dich selbst noch mehr von der Weit unbefleckt halten mögest, sollst du an meinem heiligen Tag ins Haus des Betens gehen und deine heiligen Handlungen darbringen." (Vers 59:9). Zu diesem Tag sagte er außerdem: „Das ist der Tag, der bestimmt ist, daß ihr von eurer Arbeit ruht und daß du dem Allerhöchsten deine Ergebenheit erweisest." (Vers 59:10.) Außerdem: „An diesem Tag, dem Tag des Herrn, sollst du dem Allerhöchsten deine Gaben und deine heiligen Handlungen darbringen und deinen Brüdern sowie vor dem Herrn deine Sünden bekennen." (Vers 59:12). „An diesem Tag sollst du nichts anderes tun als mit Herzenslauterkeit deine Speise bereiten." (Vers 59:13). Diese Offenbarung gibt uns die Richtlinien dafür an die Hand, wie wir den Sabbat begehen sollen.

Das „Haus des Betens" war damals oft ein Privathaus, eine kleine Schule oder für größere Gruppen auch eine Lichtung im Wald. Laut George A, Smith (1855)galt für die Jahre von Joseph Smith der allgemein übliche Spruch: „Der Mormonismus gedeiht im Freien am besten." George A. Smith hat außerdem gesagt: „Wir haben vor dem Tod des Propheten kein Gebäude errichtet, das groß genug gewesen wäre, die Heiligen aufzunehmen." Die größten Versammlungsräume, nämlich im Tempel zu Kirtland und Nauvoo, faßten nur 500 bis 1000 Leute. (Siehe Journa! of Discourses, 3:23.) 

Die sonntäglichen Gottesdienste In Kirtland liefen 1835 weiter nach dem üblichen Schema ab: Beten, Predigen, Abendmahl. Wir wissen nicht, was für Abendmahlsgefäße damals verwendet wurden, aber wahrscheinlich waren es Kelche oder Gläser — für den gemeinschaftlichen Gebrauch — und Teller oder Körbe. Während das Abendmahl von Mitglied zu Mitglied weitergereicht wurde, wurde üblicherweise gepredigt.

Gleich nach dem Abendmahl war die Predigt der wichtigste Teil des sonntäglichen Gottesdiensts. Die Predigten nahmen den größten Teil jeder öffentlichen Versammlung ein, und die Mitglieder waren davon oft zutiefst bewegt. Bei W. W, Phelps finden wir: .Letzten Sabbat predigte Präsident Smith... Er hielt eine der großartigsten Predigten, die ich je gehört habe, sie war etwa dreieinhalb Stunden lang und enthüllte mehr Geheimnisse, als ich jetzt aufschreiben kann."

Sonntags abends wurde alles mögliche unternommen: Hochzeiten, Gebetsversammlungen in Privathäusern, Kollegiumsversammlungen, Patriarchalische Segen, Festessen, Kirchengerichte oder auch bloß Besuche bei Verwandten und Freunden.

In Missouri sah der Sabbat bei den Heiligen ähnlich aus, John Bush erinnerte sich „Wir gingen regelmäßig jeden Sonntag nach Far West. Nur wenige Heilige hatten ein Pferdegespann, und außerdem durften auch die Tiere sonntags ausruhen; deshalb gingen die Leute zu Fuß zu dem großen Fachwerkhaus. Sonntag um Sonntag waren viele Männer, Frauen und Kinder zu sehen, die auf dem Weg zu der Schule waren." Wer nicht mehr hineinkam, stellte sich draußen ans Fenster. Anderswo in Missouri fanden Versammlungen in Privathäusern oder unter einem großen Baum statt, wobei dann ein Wagen als Kanzel diente.

In Nauvoo, wo die Mitgliederzahl rasch auf über 10.000 anwuchs, waren die besten Orte für die Sonntagsversammlungen ein Wäldchen beim Tempelplatz und der Tempelplatz selbst. „Heute morgen habe ich im Wäldchen zu über 8000 Leuten gepredigt", schrieb Joseph Smith am 3. Juli 1842. (History ot the Church, 5:56.)

Aus den Berichten geht nicht hervor, wie oft bei diesen riesigen Versammlungen das Abendmahl ausgeteilt wurde; allerdings beschloß Ende 1844 auf der anderen Seite des Flusses, in Iowa, eine Konferenz, jeden zweiten Sabbat das Abendmahl zu nehmen. In England und anderen Missionsgebieten nahmen  kleinen Gruppen von Mitgliedern wöchentlich das Abendmahl.

In Nauvoo wurden auch die ersten Gemeinden geschaffen, allerdings wegen des Zehnten und nicht zu Versammlungszwecken. Die Berichte verzeichnen für Nauvoo keine Gemeinde-Abendmahlsversammlung, nur die morgendlichen und nachmittäglichen Versammlungen für das ganze Gemeinwesen.

Während die Heiligen der Letzten Tag; dann nach Westen zogen, bemühten sie sich, Mensch und Tier sonntags Ruhe zu gewähren. „Jeden Samstagabend sollten wir die Zelte aufschlagen, die wir hatten und unser Lager auf die Sabbatruhe vor bereiten", schrieb Wilford Woodruff im April 1847. Manchmal mußten die Heiligen aber auch sonntags weiterziehen „Aufbruch vor dem Frühstück, weil wir kein Holz und kein Wasser mehr hatten" schrieb Eliza R. Snow am 23. August 1846.

Heber C. Kimballs Tagebuch schilderte einen sehr spirituellen Sabbat der Pioniere, und zwar den 30. Mal 1847: „Um neun Uhr morgens zogen sich die meisten Brüder an einen Ort ein wenig südlich des Lagers zurück und hatten eine Gebetsversammlung; alle, die wollten, brachten ihre Gefühle zum Ausdruck. Kurz vor zwölf kamen sie am selben Ort wieder zusammen, um das Abendmahl zu nehmen. Mittags verließ eine ausgewählte Gruppe das Lager, suchte sich zwischen den Felsen eine abgeschiedene Stelle, legte Tempelkleidung an und „betete zu Gott für uns selbst, für dieses Lager und alles was dazugehörte, die Brüder in der Armee (dem Mormonenbataillon), unsere Familien und alle Heiligen. Präsident Young sprach das Gebet. Wir freuten uns alle, daß wir uns an diesem abgelegenen Ort zum Beten versammeln durften." Der Rest des Tages war der Ruhe und dem Nachdenken gewidmet. „Es gibt keine Witze, kein Gelächter, keinen Unsinn", schrieb Eider Kimball — ein einfaches Essen, Gespräche und von 17 Uhr bis Anbruch der Dunkelheit wieder eine Gebetsversammlung der Führer.

Von 1850 bis 1900 änderte sich der Sabbat in der Kirche sehr. Ein Gemeindehaus für jede Gemeinde machte zum ersten  Mal  Gemeinde-Abendmahlsversammlung und Sonntagsschule möglich. Dadurch, daß der Reihe nach örtliche Versammlungen stattfanden, konnten sich mehr örtliche Mitglieder am Sabbat beteiligen: als Lehrer und Schüler, als Beamte, bei der Abendmahlshandlung, als Sprecher, beim Beten und Im Chor. Es wurden besondere Fastsonntage und der vierteljährliche Pfahlkonferenzsonntag eingeführt.

Zuerst fanden die Gottesdienste im Freien statt. Zwei Monate nachdem die ersten Pioniere das Salzseetal erreicht hatten, besuchte ein Neuankömmling eine Sonntagsversammlung und traf die Mitglieder neben einem Heuschober an. Ein Jahr darauf fand eine Sabbatversammlung südlich der Nordmauer des allen Forts statt. In Logan berechnete ein Gemeindesekretär die Besucherzahl nach der genutzten Fläche: „Die Versammlungen waren heute gut besucht; die Gemeinde nahm mehr als einen halben Morgen Land (rund 2000 Quadratmeter) ein."

Damit die Gemeinden vor der heißen Sommersonne geschützt waren, wurden Lauben gebaut: über ein Gerüst aus Holzpfählen kam Buschwerk. Die Natur, vor allem der Wind, machte den Mitgliedern aber trotzdem noch zu schaffen. In St. George mußten einmal rund um die Laube Wagenplanen genagelt werden, um die Versammlung vor dem Sturm zu schützen.

Die ersten Versammlungsgebäude waren Blockhütten- oder Adobeziegel-Schulgebäude. Sie waren aber oft so klein (in Toquerville in Utah gab es beispielsweise für neunzehn Familien nur ein sechs mal viereinhalb Meter großes Adobeziegelhaus), daß die Kinder und Jugendlichen zu Hause blieben und sich in die Sonntagsversammlungen nur Erwachsene quetschten. So bald wie möglich bauten die Gemeinwesen dann Stein- und Ziegelhäuser, manche sogar mit einem zweiten Stockwerk. Einige der bevölkerungsreicheren Orte wie St, George und Salt Lake City errichteten außer den Gemeindehäusern auch große öffentliche Tabernakel.

Ob draußen oder drinnen, die wesentlichen Sabbatversammlungen der Heiligen waren der Predigtgottesdienst am späten Vormittag und die Abendmahlsversammlung am Nachmittag, außer wenn das Wetter ungünstig war. In den Gebieten, wo mehrere Gemeinden die zwei Gottesdienste zusammen auf Pfahlebene abhielten, fand in der Gemeinde am Abend noch eine zusätzliche Versammlung statt. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts schrieb George Goddard an einem Sabbat in sein Tagebuch „Bin mit meiner Frau Betsy um 10 und um 14 Uhr in den Tabernakel gegangen ,., abends in die Versammlungen der 13. Gemeinde gegangen."

Allmählich traten Gemeindeversammlungen an die Stelle der Abendmahlsversammlungen auf örtlicher oder Pfahlebene. Die allgemeine Morgenversammlung im Tabernakel zu Salt Lake City wurde beispielsweise 1876 abgeschafft, die Nachmittagsversammlung in den neunziger Jahren

Um in die Gemeinde-Abendmahlsversammlungen etwas mehr Abwechslung zu bringen, wurden oft auch auswärtige Sprecher eingeladen. Die Generalautoritäten verbrachten viel Zeit mit Besuchen und Ansprachen in den Gemeinden. Die Predigten dauerten wenige Minuten bis fast zwei Stunden.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts schickten die Pfähle „Binnenmissionare" mit regulärem Predigtauftrag in die Gemeinden. Die Binnenmissionare besuchten die Gemeinden noch bis nach der Jahrhundertwende monatlich — ähnlich wie heute die Hohen Räte.

Ein Konferenzbesuch war in den ersten Jahren in Utah ein bemerkenswertes Ereignis. Auf der Reise zur General- oder Pfahlkonferenz mit dem Wagen, zu Pferd, zu Fuß oder mit dem Zug benutzten viele die Gelegenheit, alte Freundschaften aufzufrischen. Die vierteljährlichen Pfahlkonferenzen, die ab 1877 regelmäßig abgehalten wurden, fanden oft abwechselnd in den führenden Städten des Pfahls statt, und die Vorbereitung auf die Konferenzgäste war für viele Familien ein freudiger Anlaß.

In der Anfangszeit wurde in manchen Gemeinden das Abendmahl nur einmal im Monat gefeiert, nach den fünfziger Jahren war aber In den meisten Pioniersiedlungen die wöchentliche Abendmahlsversammlung üblich. Eine bemerkenswerte Ausnahme gab es 1856/57, als das Abendmahl den Heiligen vorübergehend entzogen wurde, um ihnen zu helfen, daß sie sich über Ihre Mitgliedschaft in der Kirche ernsthaft Gedanken machten. Oft vollzogen die Bischöfe die Abendmahlshandlung persönlich, und zwar sowohl in ihrer eigenen Gemeinde als auch in der Pfahl-Abendmahlsversammlung. Ein Bischof schrieb 1874, er habe mit Hilfe seiner beiden Ratgeber und der Gemeindelehrer im Neuen Tabernakel die Abendmahlshandlung vollzogen.

Für die Abendmahlsversammlungen im Tabernakel zu Salt Lake City wurden kunstvolle Abendmahlsgefäße gefertigt, und zwar zwölf Becher in massiver Arbeit aus Silber, mit zwei herrlich geformten Griffen und zwölf Teller (später Körbe) für das Brot. Als die Mitglieder in St George darüber sprachen, was für Abendmahlsgeschirr sie kaufen sollten, erzählte ein Bruder, wie Salt Lake City zu seinem Geschirr gekommen war: die Brüder hatten ihre silbernen Uhren, Löffel usw. zusammengetan, um es anzufertigen. Die Gemeinden erwarben auch ihr eigenes, aber weniger kostspieliges, Abendmahlsgeschirr, oft aus Glas statt aus Metall.

Die Sonntagsschule war vielen Mormonen aus der Anfangszeit von ihrer protestantischen Herkunft her vertraut, und aus den Aufzeichnungen geht hervor, daß es in Kirtland und Nauvoo und 1844 auch in England schon eine Art Sonntagsschule der Heiligen der Letzten Tage gab. Richard Ballantyne, der früher in einer protestantischen Sonntagsschule tätig gewesen war, eröffnete 1849 mit fünfzig Jugendlichen von acht bis vierzehn Jahren in einem besonderen Raum, der an sein Haus angebaut war, die erste Sonntagsschule in Utah. Andere machten es ihm nach, und so gab es bald in den meisten Gemeinden eine selbständige Sonntagsschule, In den siebziger Jahren gab es schon 200 Sonntagsschulen mit fast 15000 Jugendlichen und Erwachsenen. Zum ersten Mal waren Frauen und Kinder direkt als Lehrer und Schüler an einer Sabbatversammlung beteiligt, und auch viele Männer waren eifrig als Beamte und Lehrer tätig. Singen, Beten, Unterricht in der heiligen Schrift und Rezitationen gehörten dazu, außerdem auch Prüfungstage; Bischof Frederick Kesler berichtet über einen solchen Tag: „Das Haus war voll, die Stücke waren gut gesprochen, und viele Anwesende erhielten eine Belobigung in Form eines sorgfältig ausgewählten Buchs."

Weil die Sonntagsschulkinder normalerweise nicht die nachmittägliche Abendmahlsversammlung besuchten, bat die Erste Präsidentschaft darum, daß in der Sonntagsschule das Abendmahl gesegnet und ausgeteilt wurde. Dazu haben wir wieder eine Schilderung von Bischof Kesler:

 „Ich besuchte unsere Gemeinde-Sonntagsschule und sprach ein paar Minuten, während das Abendmahl ausgeteilt wurde. Das war das zweite Mal, daß es unseren Kindern In der Sonntagsschule ausgeteilt wurde. Ich belehrte sie darüber."

Eine weitere bemerkenswerte Änderung der Sabbatbräuche war die Beteiligung der Jugendlichen an der Abendmahlshandlung. Seit den siebziger Jahren wurden elf- bis siebzehnjährige Jungen zum Diakon ordiniert Bis dahin hatten meist Erwachsene die Ämter im Aaronischen Priestertum innegehabt und als „amtierende" Diakone, Lehrer und Priester gedient. Die jugendlichen Diakone erhielten für den Sonntag zwei Hauptaufgaben: den Türdienst bei den Versammlungen sowie die allgemeine Pflege der Gemeindehäuser und das Austeilen des Abendmahls. Den Diakonen in Salt Lake City wurde 1874 gesagt:

 „Wie schön ist es doch, wenn wir einen braven Jungen sehen, wie er mit sauberen Händen und ordentlich gekämmtem Haar auf Zehenspitzen geht, um den Leuten einen Platz zu suchen. Ein Diakon hilft sehr mit, eine Versammlung angenehm zu gestalten. Wir sollten wenigstens eine Stunde vor Versammlungsbeginn dasein. Haltet das Haus sauber und ordentlich. sorgt für einen sauberen Tisch und ein sauberes Tuch, und bemüht euch, beides reinzuhalten." (Brief der Ersten Präsidentschaft vom 11. Juli 1877 )

1896 wurde der Fasttag vom ersten Donnerstag auf den ersten Sonntag im Monat verlegt, damit auch Berufstätige und Schüler teilnehmen konnten. Gelegentlich wird der Fastsonntag einem bestimmten Anlaß geweiht. Als 1918 die Grippeepidemie wütete und öffentliche Versammlungen verboten waren, bat die Erste Präsidentschaft darum, daß in der Kirche der 22. Dezember als besonderer Fastsonntag bestimmt werde, und zwar „damit durch die göttliche Macht der verheerenden Geißel, die die Erde heimsucht, Einhalt geboten und ein baldiges Ende bereitet werde". 1946 gab es am 19. August einen besonderen Fasttag aus Dankbarkeit für die Kapitulation Japans und im Dezember 1947 einen besonderen Fasttag, damit die Heiligen die größtmögliche Summe beisteuern konnten, um den Leidtragenden im kriegsgeplagten Europa zu helfen.

Eine kleinere Veränderung der Sabbatgewohnheiten war in unserem Jahrhundert die Einführung der kleinen Abendmahlsbecher, aus denen immer nur einer trank. Die Idee dazu stammte schon aus den neunziger Jahren, wurde aber erst 1911 verwirklicht, als eine neue Art Tablett entworfen wurde, das die kleinen Becher aufnehmen konnte. Die bis dahin gebräuchlichen Becher verschwanden bald, und an ihre Stelle traten die Becher aus Metall, Glas, Pappe und Plastik.

Jahrelang war die Abendmahlshandlung von Predigen, Singen und Musikstücken begleitet gewesen 1946 schaffte die Erste Präsidentschaft alle diese Ablenkungen ab. Ideal sei die absolute Stille, hieß es: „Wir wünschen während dieser heiligen Handlung keine Gesangssoli, Duette, Chordarbietungen oder Instrumentalmusik " (Brief der Ersten Präsidentschaft vom 2. Mai 1946.)

Eine weitere Veränderung jüngeren Datums betrifft die Musik. Da die Gesangbücher aus dem neunzehnten Jahrhundert Lieder enthielten, die sich mehr für den Chor- als für den Gemeindegesang eigneten, ging der Gemeindegesang immer mehr zurück. Seit 1909 ist unser Gesangbuch aber auf die Gemeinde ausgerichtet, so daß die Mitglieder mitsingen können.

Die älteren Mitglieder können sich heute noch daran erinnern, daß die Gemeinde-Priestertumsversammlungen am Montagabend stattfanden, und zwar seit 1908. Manche Bischöfe waren allerdings dafür, daß die Pnestertumsversammlung sonntags stattfand, und zwar vor oder nach der Sonntagsschule, damit die Mitglieder, die weiter entfernt wohnten, nicht soviel reisen mußten Als es in den dreißiger Jahren den Gemeinden freigestellt wurde, ob sie die Priestertumsversammlung sonntags oder in der Woche halten wollten, entschieden sich die meisten für den Sonntag, was dann für die Kirche zur Norm wurde.

Seit der Anfangszeit der Kirche bemühen sich die Führer darum, zu verhindern, daß der Sabbat mit Versammlungen überladen wird, 1904 schrieb ein aufgebrachter Pfahlbeamter in Cache, Utah: „Der Sonntag war so ausgefüllt, daß es ein so schwerer Arbeitstag war wie jeder andere." Zwanzig Jahre später meinte Eider Melvin J. Ballard öffentlich, sonntags abends gebe es zu viele Veranstaltungen. Solche Gefühle haben immer wieder dazu geführt, daß das Versammlungsschema geändert wurde.

Ein Versuch wurde zwischen 1928 und 1938 gemacht, als in vielen Gemeinden die Pnestertumsklassen mit den Sonntagsschulklassen zusammengelegt wurden. Die Führer der Kirche hofften darauf, daß die Mitglieder die freie Zeit, die ihnen damit zur Verfügung stand, vernünftig nutzten:

„Die Sonntagsschule und die anderen Versammlungen sind so aufeinander abgestimmt worden, daß es für die Mitglieder einfacher wird und ein beträchtlicher Teil des Sonntags ohne kirchliche Verpflichtungen verbleibt. Wir bitten Sie alle dringend: gehen Sie treu zu Ihren Versammlungen, und nutzen Sie den Teil des Sonntags, der keiner Versammlung gewidmet ist, dazu, die Verbundenheit in Ihrer Familie zu fördern, zu größerer Treue anzuregen, daß Eltern und Kinder einander näherkommen und die Verwandten sich besser miteinander verstehen." (Verlautbarung der Ersten Präsidentschaft vom 1. September 1928.)

In jüngerer Zeit machten die jeweiligen Umstände es manchmal erforderlich, das Sonntagsschema auf manche Weise zu vereinfachen In manchen Missionsgebieten, wo das Reisen schwierig war, wurden die Sonntagsversammlungen alle hintereinander gelegt. Und die Energiekrise in den Vereinigten Staaten brachte die Erste Präsidentschaft dazu, daß sie im Dezember 1973 folgende Anweisung herausgab: „Die örtlichen Gemeinden in den Gebieten, wo die Mitglieder weit vom Gemeindehaus entfernt wohnen, können, wenn sie wollen, alle Sonntagsversammlungen direkt hintereinander abhalten."

Als 1980 das Kompaktversammlungsschema bekanntgegeben wurde, waren die Familien in der ganzen Kirche begeistert. Vorher waren die einzelnen Familienmitglieder oft zu verschiedenen Zeiten zu Versammlungen fortgewesen, während die Familien jetzt mehr Zeit für ein sinnvolles Beisammensein und Eltern und Kinder einander näherkommen können.

Während das Versammlungsschema aber im Laufe der Jahre immer wieder etwas anders aussah, hat sich daran, wie die Heiligen den Sabbat begehen sollen, wenig geändert. Eine Regel in den Satzungen der Vereinigten Ordnung lautet: „Wir wollen den Sabbat halten und heiligen und ihn der Gölte s Verehrung, dem Studium guter Bücher, der Ruhe, der Unterweisung und dem Versammlungsbesuch weihen." Seit 1830 sind die Sabbatversammlungen immer wieder dazu verändert worden, damit die Heiligen diese Ziele erreichen konnten. Die Versammlungen sind dazu von Ballast befreit worden, damit jeder persönlich einen geisterfüllteren Sabbat halten kann, wenn er mit seiner Familie nach Hause kommt und die Familie und jeder einzelne erhält, was er in spiritueller Hinsicht braucht.

Hundertfünfzig Jahre lang hat die Kirche für ausgezeichnete Versammlungen gesorgt, damit die Heiligen ihre persönlichen Bündnisse erneuern, von Sprechern und Lehrern und durch eigenen Unterricht und eigene Ansprachen lernen, damit sie singen und beten und nachdenken konnten. Mit dem Besuch der Sabbatversammlungen ist es aber nicht getan: die Verantwortung dafür, daß der ganze Tag heilig und geisterfüllt ist, ruht immer noch bei jedem Heiligen selbst.

 

William G. Hartley ist Geschichtsforscher des Joseph-Fielding-Smilh-lnstiluts für Kirchengesctiichte an der Brigham- Young-Universität- Außerdem ist er in der Gemeinde 37 In Sandy, Utah, Hohepriesterlehrer.


Juli 1984

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