ERROLL BENNETT – Der Mut eines Tahitischen Fußballstars ändert die Regeln - von Michael Otterson

Veröffentlicht auf von Bettina

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„Bist du wahnsinnig?" tobte Erroll Bennetts Vater, als er von der Absicht seines Sohnes erfuhr, sich der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage anzuschließen. „Bist du völlig verrückt geworden? Du mußt doch alles aufgeben - alles, wofür du gearbeitet hast. Du weißt wohl nicht, was du tust!"

Die Einwände seines Sohnes fegte er vom Tisch und blieb fest: „Wenn du das tust, kenne ich dich nicht mehr. Nimm alles in diesem Haus, was dir gehört, und komm mir nicht mehr über diese Schwelle." Es war natürlich nicht das erste Mal, daß schwerwiegende Zweifel jemand daran hinderten, das Evangelium anzunehmen. Hier ging es aber um mehr als nur den Widerstand gegen eine neue religiöse Lehre.

Daß Erroll Bennett sich der Kirche anschloß, hätte durchaus das Ende seiner aufsehenerregenden Karriere als Spitzenstar des tahitischen Fußballs bedeuten können. Auf dieser südpazifischen Insel hat der Fußball eine ähnliche Bedeutung wie etwa in Südamerika oder in Teilen Europas. Er hat in Tahiti weit mehr Anhänger als jede andere Sportart, und für viele Fans ist dieser Sport ihr Leben. Ein Fußballstar ist ein gefeierter Nationalheld. Erroll Bennett hatte mit 27 Jahren diesen Status als Mannschaftskapitän der ersten Garnitur der Tahiti Honours Division schon erreicht. Jedes Kind kannte seinen Namen, und vieles deutete darauf hin, daß er sich lange an der Spitze halten würde. Sein eher schmächtiger Körperbau und seine Körpergröße von 1,75 m ließen nicht erahnen, wie er das Feld beherrschte. Außerdem schienen sein häufiges Lächeln und seine ruhige Art mit den Schlagzeilen in den tahitischen Zeitungen völlig im Widerspruch zu stehen; „Bennett, Terror des Stadiums", ,,Bennett ohne Gnade". „Bennett: Bester Torschütze der Saison".

Während er an dem Abend im Jahr 1977 mit seiner Frau zum Haus seiner Eltern unterwegs war und überlegte, wie er ihnen die Neuigkeit beibringen sollte, dachte er an die jüngsten Ereignisse, die sein Leben so dramatisch verändert hatten.

Da es in Tahiti keinen Profisport gibt, hatte Bennett tagsüber in der Hauptstadt Papeete als Polizist gearbeitet. Ein Freund in der Finanzabteilung der Stadtverwaltung hatte ihn mit der Kirche bekanntgemacht. Es handelte sich um Lysis Terooatea, den Bischof der 3. Gemeinde im Pfahl Tahiti. Er hatte den Fußballspieler mit seiner Frau zum Familienabend eingeladen.

Den Bennetts hatte der Abend gefallen. Der Film „Des Menschen Suche nach Glück", hatte sie tief beeindruckt. Es folgten weitere Einladungen, und das Interesse der Bennetts wuchs. Später erzählte Bruder Bennett: „Der Bischof erläuterte die Evangeliumsgrundsätze mit großer Klarheit, Meine Frau und ich spürten im Innersten, daß die Taufe notwendig ist,"

Diese Entscheidung hatte in Erroll Bennetts Fußballklub Central, Tabellenführer der Honours Division, wie eine Bombe eingeschlagen, und das hatte nichts mit religiöser Intoleranz zu tun. In Tahiti wie an vielen anderen Orten im Südpazifik finden Fußballspiele nur am Sonntag statt. Die Leute im Klubvorstand wußten, daß Mormonen am Sonntag anderes zu tun haben, als Fußball zu spielen. Bennetts Entscheidung, ein Heiliger der Letzten Tage zu werden, war also fast mit Sicherheit gleichbedeutend mit dem Ende seiner Karriere.

Das mit dem Sonntag stimmte, Erroll Bennett verkündete bereits, daß er am Sonntag nicht mehr spielen würde, wenn er sich taufen ließe. Die Kirche würde für ihn an erster Stelle stehen - noch vor seinem geliebten Fußball. Verzweifelt hatte Napoleon Spitz, Präsident des Central-Klubs und FB-Ligapräsident, ein sehr einflußreicher und mächtiger Mann im tahitischen Sport, den damaligen Pfahlpräsidenten des Pfahls Tahiti und jetzigen Regionalrepräsentanten Victor D. Cave angerufen. Er fragte, ob es denn keine Möglichkeit gäbe, Erroll Bennett für Spiele am Sonntag freizustellen. Es ging ja nicht nur um Fußball, sondern um den Nationalstolz Tahitis. Die Antwort des Pfahl Präsidenten war höflich, aber bestimmt: „Fragen Sie ihn selbst. Es ist seine Entscheidung, sich taufen zu lassen, und er wird Ihnen sagen, wie er darüber denkt."

Das alles war aber nicht halb so schwierig wie die Aussicht, seinem Vater gegenübertreten zu müssen, den er sehr liebte und respektierte, und der auf die sportliche Leistung seines Sohnes überaus stolz war.

Wenn man Bruder Bennett heute zuhört, wie er diese Situation schildert, wird einem klar, daß sie ihn tatsächlich zutiefst getroffen hat. Er hatte zu seinen Eltern immer ein enges Verhältnis gehabt, aber nun war sein Vater unerbittlich. „Du hast zwischen uns eine Mauer errichtet. Ich möchte mit dir nichts mehr zu tun haben." Außerdem wollte er auch das dritte Kind seines Sohnes nicht sehen, das Baby, das seine Frau damals erwartete, Bennett und seine Frau verließen das Haus seiner Eltern unter Tränen. Sie waren zutiefst unglücklich, wußten aber, daß sie sich nicht vom Evangelium abwenden konnten. Jetzt mußte es sich zeigen, ob ihre Überzeugung jedem Druck standhalten konnte.

Obwohl Bennett noch kein Mitglied war, wandte er sich an seinen Freund, Bischof Terooatea, um Rat. Der Fußballspieler erinnert sich gern daran, wie ihm der Bischof zuhörte und ihn dann drängte, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun. Er riet ihm, mit der Taufe noch bis nach diesem letzten Versuch zu warten. Dann erklärte er ihm, was ein Priestertumssegen ist und wie ihm die Vollmacht des Priestertums helfen könne. An diesem Abend bekam Erroll Bennett seinen ersten Priestertumssegen, und zwar von seinem alten Freund, dem Fußballenthusiasten Noel Tarati. Bruder Tarati gab ihm ruhig die Verheißung, daß sein Vater ihn empfangen würde, wenn er zu ihm ginge, auch wenn harte Worte gefallen waren.

Am nächsten Tag fuhr er wieder zu seinem Vater. Als er sich dem Haus näherte, sah er seinen Vater an der Gartentür stehen. Er hatte Tränen in den Augen. „Verzeih mir, Erroll", sagte er. „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer an dich denken mußte. Wenn du nicht hergekommen wärst, wäre ich zu dir gekommen." Dann fuhr er fort: „Du weißt, daß Tausende Menschen von dir enttäuscht sein werden. Wenn du am Sonntag nicht spielst, ist das das Ende deiner Laufbahn, Dir ist doch klar, daß Napoleon Spitz nicht den ganzen Spielkalender umstoßen wird, nur um es dir recht zu machen. Trotzdem, die Entscheidung liegt bei dir. Ich bitte dich nur, daß du dieses Thema nie wieder anschneidest. Es ist erledigt." Obwohl die Beziehung zu seinem Vater heute genau so eng ist wie eh und je, übten beide Seiten der Familie bis zum Tag der Taufe Druck auf ihn aus. ,.Ich weiß noch, was ich an diesem Tag empfunden habe", sagt Bruder Bennett heute. „Wir waren großem Druck ausgesetzt, und wir wußten, was wir zu tun hatten. Trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, daß ich eine letzte Bestätigung brauchte, ein letztes Zeichen vom Herrn, daß alles in Ordnung war und wir den Schritt tun sollten.

Ich ging auf den Berg in der Nähe meines Hauses, wo ich immer jogge, und dort schüttete ich dem himmlischen Vater mein Herz aus. Ich bat um eine Bestätigung, vielleicht um irgendeine Botschaft, daß ich im Begriff war, den richtigen Schritt zu tun. Auf dem halben Rückweg den Berg hinab sprach ich dasselbe Gebet noch einmal.

Als ich mein Haus erreichte, sah ich ein Auto davor stehen. Es gehörte Gabriel Vaianui, einem seit etwa zehn Jahren inaktiven Mitglied. Er besuchte nur hin und wieder die Versammlungen. Er war auf dem Markt gewesen und hatte jemand sagen hören, daß sich Erroll Bennett doch nicht der Mormonenkirche anschließen werde. Daher war er hergekommen, um selbst herauszufinden, was nun stimmte."

Er erkannte Bruder Vaianui als den Überbringer der Botschaft, die er gesucht hatte, und fragte ihn: „Gabriel, soll ich mich heute taufen lassen?" Ohne Zögern kam die Antwort: ,,Erroll, was immer du auch tust, du mußt dich taufen lassen! Kehre der Kirche nicht den Rücken." Bruder Bennett ist heute dankbar für Gabriel Vaianuis Rat. ,,Genau das hatte ich gebraucht - den kleinen Anstoß, der mir den fehlenden Mut gab,"

Die Taufe fand wie geplant statt, und hinterher hatte Erroll Bennett Zeit zum Nachdenken. Vom Fußballklub meldete sich niemand mit Glückwünschen oder Kritik, und am Ende dieses stillen Abends hatte er seine Entscheidung getroffen. Es half nichts, sich über einen ungewissen Kompromiß den Kopf zu zerbrechen, und es hatte auch keinen Sinn zu trainieren, wenn er sonntags doch nicht spielen würde. Am nächsten Tag würde er mit Napoleon Spitz sprechen und sich vom aktiven Fußball zurückziehen. Seine Position stünde dann einem anderen hoffnungsvollen Spieler offen. Spitz reagierte in unerwarteter Weise, „Warte ein paar Tage", sagte er. „Warte die Ligasitzung ab, die diese Woche stattfindet." Als Bennett ein paar Tage später den neuesten Stand der Dinge erfuhr, traute er seinen Ohren nicht. Napoleon Spitz hatte den Vorstandsmitgliedern der Liga mitgeteilt, daß Tahiti Central in Zukunft nicht mehr am Sonntag spielen würde. Er erklärte, die Spiele am Sonntag hielten die Mannschaft davon ab, mit ihren Familien zusammen zu sein, und das sei ein untragbarer Zustand. Central würde also am Sonntag nicht mehr spielen, was immer auch die andren Mannschaften täten.

Es wurde abgestimmt, und die Entscheidung war einstimmig. Von nun an würden alle Spiele der Honours Divison wochentags abend stattfinden. Michael Ferrand, leitender Sportreporter der tahitischen Tageszeitung „La Depeche", war als Delegierter eines anderen Klubs bei dieser Sitzung dabei und erinnert sich noch gut daran. Er berichtete mit einem Lächeln; „Natürlich kannten wir alle den wirklichen Grund der geforderten Änderung. Napoleon Spitz sprach bei der Sitzung als Delegierter des Central-Klubs. Er nannte ein paar gute Gründe, weshalb diese Änderung vorzunehmen sei - die Spieler stünden wegen ihrer Familien unter Druck, und so weiter —, aber wahrscheinlich wußten alle Anwesenden, daß der Beitritt Erroll Bennetts zur Mormonenkirche die eigentliche Ursache war." Ferrand sagt, daß den Spielern die neue Regelung nur recht war, wenn auch die Reaktion der Öffentlichkeit gemischt war, „Es ist nicht leicht, eine alte Tradition zu ändern", sagte Ferrand. – „Die Leute waren seit Jahren sonntags zum Spiel gegangen, und nun sollten die Spiele plötzlich an einem Wochentag stattfinden. Ein paar Sportreporter waren ein wenig unzufrieden, doch blieb die Kritik eher gedämpft. Man muß bedenken, daß Erroll Bennett in Tahiti ungeheuer populär ist. Kein Sportreporter wird einen Nationalhelden offen angreifen." Seit Erroll Bennetts Taufe im Jahre 1977 spielen alle zwölf Klubs der tahitischen Honours Division nur noch wochentags. Die neue Regelung hat sich so fest eingebürgert, daß sich daran wahrscheinlich auch nichts mehr ändern wird, wenn Bennett nicht mehr Fußball spielt. Michael Ferrand. der auch Führungsekretär des College La Mennais, der größten katholischen Schule in Tahiti ist, freut sich über die Neuerung.

„Ich persönlich finde das gut" sagte er. „Wenn es dazu beiträgt, daß der Sonntag geheiligt wird, umso besser." Natürlich behauptet niemand, daß die Fußballenthusiasten nun statt auf den Sportplatz massenhaft in die Kirche strömen. Aber abgesehen davon, daß die Änderung, zu der Bennetts Taufe vor fünf Jahren den Anstoß gab, auf die Sabbatheiligung aufmerksam gemacht hat, scheint sie sich auch auf den tahitischen Fußball selbst positiv auszuwirken. Napoleon Spitz, der die Auswirkungen wie kein anderer beobachten konnte, macht keinen Hehl aus seiner Meinung: „Es besteht kein Zweifel daran, daß die Mannschaft lieber wochentags spielt. Die Spieler haben festgestellt, daß sie den Sonntag gern mit der Familie verbringen. Sie scheinen auch besser ausgeruht zu sein, und sie trainieren und spielen besser. Vielleicht war die Öffentlichkeit anfangs unsicher, aber ich glaube, die Leute wissen die zusätzliche freie Zeit am Sonntag zu schätzen, wo sie mit der Familie unternehmen können, was sie gern möchten. Es ist für alle von Vorteil."

Bruder Bennetts Grundsatz, am Sonntag nicht zu spielen, bedeutete, daß er in den letzten fünf Jahren lediglich zwei Spiele in Tahiti versäumte, beide im Jahr 1977. Das erste fand am Tag nach seiner Taufe statt, vor der historischen Sitzung der Ligavorstände, bei der die Spielzeiten geändert wurden. Das zweite Spiel war das Finale um den Tahiti-Pokal, einer offenen Ausscheidung für alle 112 tahitischen Klubs. Napoleon Spitz sagt, es sei einfach zu kompliziert gewesen, in diesem ersten Jahr so kurzfristig das Finale auf einen anderen Tag zu verlegen. Im nächsten und in allen weiteren Jahren wurde um den Tahiti-Pokal nie mehr am Sonntag gespielt - wegen Erroll Bennett, Bennetts Festhalten an einem bestimmten Grundsatz wäre allein schon sehr bemerkenswert gewesen, auch wenn es sich in sonst keiner Weise ausgewirkt hätte. Trotzdem wurde seine Überzeugung im Lauf der nächsten paar Jahre immer wieder auf die Probe gestellt, und jedes Mal spielte Napoleon Spitz eine entscheidende Rolle.

Auf Tahiti lebt die Mehrheit der weit verstreuten 150000 Einwohner Französisch-Polynesiens. eines autonomen französischen Territoriums, das seine eigenen Abgeordneten ins französische Parlament wählt. Da Tahiti französisches Territorium und keine unabhängige Nation ist, kann es nicht am Fußball-Weltcup oder an den Olympischen Spielen teilnehmen. Tahiti kann aber an der Südpazifischen Meisterschaft teilnehmen, die alle vier Jahre stattfindet.

Bei der Südpazifischen Meisterschaft, die 1979 in Suva auf Fidschi stattfand, sollte Erroll Benntts Beharren auf der Heitighaltung des Sonntags bemerkenswerte Folgen haben.

Bei den Vorverhandlungen mit Fidschi, die einige Monate vor dem Spiel geführt wurden, hatte Napoleon Spitz erwartet, daß die Sache mit dem Sonntag erneut problematisch werden könnte. Er hatte recht. Fidschi setzte das Endspiel für einen Sonntag an, und die Frage war noch immer ungelöst, als die tahitischen Mannschaften mit Napoleon Spitz ab Leiter in Suva eintrafen. Das Sonntagsproblem war bei dieser Meisterschaft allerdings nicht neu. Tonga und Samoa hatten in früheren Jahren ebenfalls religiös begründete Einwände erhoben, jedoch keine Änderung bewirken können. 1979 kam aber alles anders.

Napoleon Spitz war wohlgerüstet. Er verwies auf eine halb vergessene und lange mißachtete Klausel In den Spielsatzungen für die Südpazifische Meisterschaft, worin es hieß, daß Spiele am Sonntag verboten waren. Spitz bestand darauf, daß diese Klausel befolgt wurde „Der Sonntag wurde vom Spielplan gestrichen", erzählte er. ,,Es wäre für mich untragbar gewesen, wenn Erroll Bennett nicht gespielt hätte, und da er nicht am Sonntag spielte, gab es nur einen einzigen Ausweg. Sie stimmten damals zu, auch die Basketballausscheidung am Samstag durchzuführen, weil in der tahitischen Mannschaft fünf Spieler Mormonen waren.'' Und er lacht über das ganze Gesicht, als er sagt: „Ihr Mormonen habt den Sport im Südpazifik völlig durcheinandergebracht!"

Nach den monatelangen Verhandlungen kam endlich der Tag der Meisterschaft für das Jahr 1979 heran. Die tahitische Fußballmannschaft gewann unter der Führung ihres HLT-Mannschaftskapitäns das Viertelfinale gegen die Neuen Hebriden (nunmehr der unabhängige Staat Vanuatu), nachdem der Spieltermin von Sonntag auf Montag verlegt worden war. Im Halbfinale besiegte Tahiti Neukaledonien. Der Höhepunkt war ein tahitischer Sieg über Fidschi im Finale.

Man könnte meinen, Erroll Bennett sei vielleicht starrköpfig oder sogar eingebildet, weil man ihm aufgrund seines besonderen Könnens so weit entgegenkommt, doch sein Verhalten zeigt keine derartige Einstellung. Auf Fragen antwortet er ruhig, fast schüchtern. Sein jugendhaftes Lächeln täuscht darüber hinweg, daß er ein Mensch ist, der viel denkt und feste Grundsätze hat. Diese Eigenschaft dürfte der Grund dafür sein, daß führende Persönlichkeiten mit großem Durchsetzungsvermögen wie Napoleon Spitz ihn so gern mögen und daß sein Team ihn so respektiert.

Daß Erroll Bennett es mit der Sabbatheiligung ernst meint, steht außer Frage. Wenn er sagt, er versäumt lieber ein wichtiges Spiel, als am Tag des Herrn Fußball zu spielen, so meint er das auch. Dies zeigte sich mehrmals, als er wegen seiner religiösen Überzeugung nicht an internationalen Spielen teilnahm. Diese Spiele fanden jedesmal außerhalb von Tahiti statt, wo der Gastgeber das Recht hatte, den Spieltermin festzusetzen, und keinen Vorteil darin sah, dem Gast Tahiti entgegenzukommen.

Eines der bemerkenswerteseten Erlebnisse ereignete sich 1978 bei der Ausscheidung um den begehrten Frankreich-Cup, an der Manschaften aus ganz Frankrech und den französischen Territorien teilnehmen. Da die tahitische Fußballiga der Feedération Francaise de Football angehörte, spielen auch tahitische Clubs um den Frankreich-Cup.

Einer schon lange praktizierten Übereinkunft gemäß spielen die beiden besten tahitischen Clubs gegen die beiden besten vom Territorim Neukaledonien, das unter französischer Herrscshaft steht. Dabei fällt die Entscheidung, welchen Club aus dem südpazifischen Raum nach Frankreich fährt, um beim jährlichen Frankreich-Cup gegen die französichen Profis anzutreten. Die Ausscheidung findet einmal in Tahiti, einmal in Neukaledonien statt.

 

1978 sollte Tahiti Ceniral, Erroll Bennetts Club, gegen die Neukaledonier spielen, doch das Spiel sollte außerhalb von Tahiti und an einem Sonntag stattfinden. Nicht einmal das Verhandlungstalent des Napoleon Spitz konnte die Neukaledonier dazu bewegen, das Spiel auf einen anderen Tag zu verlegen, und so blieb Bennett dem Spiel fern. Wie er es im Jahr zuvor getan hatte, nachdem er seine Mannschaft bis zur Cupausscheidung geführt hatte. Während sich seine Teamkollegen auf die entscheidende Begegnung später am Tag vorbereiteten, ging er zur Kirche. Als zum Anstoß gepfiffen wurde, war der Mannschaftskapitän des Central Clubs allein in seinem Hotelzimmer.

„Ich werde diesen Tag nie vergessen". berichtet Bruder Bennett. „Gegen Ende des Spiels hatte ich sehr deutlich Gefühl, daß es um uns schlecht stand. Ich überlegte, ob es wohl recht sei, wegen eines Fußballspiels zum Herrn zu beten, doch wußte ich, daß er meine Lage kannte und daß ich mich bemüht hatte, das Rechte zu tun. Schließlich kniete ich mich hin und bat den Herrn, er möge meiner Mannschaft helfen, ihr Bestes zu geben."

Er erfuhr später an diesem Sabbat, daß Central 60 Sekunden vor Spielende 1:2 unterlag und dann auf 2:2 erhöhte. In der folgenden Verlängerung schoß Central das Siegestor, Es war eins der denkwürdigsten Spiele des Clubs.

Im Jahr 1980 wurde Central erneut zu einem Spiel gegen Neukaledonien im Frankreich-Cup eingeladen, und zwar außerhalb Tahitis. Erroll Bennett sträubte sich gegen die Teilnahme. „Es war ein internationales Match", sagt er, „und es war klar, daß es zu bösen Gefühlen kommen würde, wenn wir bis ins Finale gelangten und ich dann wegen eines Spiels am Sonntag ausstieg. Ich schlug vor, daß es für alle Seiten fairer wäre, wenn ich meinen Platz abträte, aber Napoleon Spitz wollte davon nichts wissen. Er redete den Neukaledoniern so lange zu, bis sie am Samstag spielten." Bennett schoß beim Spiel das entscheidende Tor - 4:3.

Da es in Tahiti keinen Profisport gibt, könnte man die Französisch-Poiynesier leicht als unbedeutend für den internationalen Fußball abtun. In Wirklichkeit aber ist gerade das Gegenteil der Fall. Fast 25 Prozent der Bevölkerung sind zahlende Mitglieder von Sportklubs. Tahiti steht, was Können, Taktik und Ausdauer anbelangt, ganz oder doch fast an der Spitze der 14 Nationen und Territorien des Südpazifiks. Erroll Bennett, die Verkörperung des tahitischen Fußballerfolgs, hat bereits erlebt, daß sein Einfluß bis über die Grenzen des eigenen Landes hinaus wirkt.

Bruder Bennett erzählt gern von einem Gespräch, das er während der Südpazifischen Meisterschaft 1979 mit einem Zeitungsreporter führte. Beeindruckt von der Weigerung des Mannschaftskapitäns, am Sabbat zu spielen, bat der Journalist ihn um ein Interview. Während des Gesprächs fragte er: „Welche heute lebende Persönlichkeit bewundern Sie am meisten?"

„Er lehnte sich zurück und wartete auf meine Antwort", erzählte Bruder Bennett. Wahrscheinlich hatte er den Namen irgendeines großen Sportlers erwartet. Stattdessen sagte ich, ich bewunderte am meisten den 83jährigen Spencer W. Kimball, den Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Ich sagte, ich würde ihm gern eines Tages die Hand schütteln. Der Rest des Interviews drehte sich hauptsächlich um die Kirche."

Erroll Bennett konnte Präsident Kimball auch wirklich einmal die Hand schütteln. Am 13. Februar 1981 besuchte Präsident Kimball Tahiti, um den ersten Spatenstich für den Bau des Tahiti-Tempels vorzunehmen.

Erroll Bennett war beauftragt, die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Präsidenten der Kirche zu beaufsichtigen. Heute (1983) ist Bruder Bennett 32 Jahre alt und Vater von fünf Kindern. Er steht noch immer an der Spitze des tahitischen Fußballs. Die Regale im Wohnzimmer seines Hauses am Rande von Papeete sind voll von Fußballtrophäen. Seit zehn Jahren ist er jedes Jahr Torschütze Nummer eins in Tahiti. Es ist interessant, wie sich Bruder Bennetts Mut auf das Ansehen der Kirche im Inselreich ausgewirkt hat. Der Missionspräsident C. Jay Larson hat es nicht versäumt, Bruder Bennett bei Versammlungen einzusetzen, an denen auch Außenstehende teilnehmen. Jean Tefan, der kürzlich entlassene PR-Direktor der Region Tahiti, meint „Natürlich sind nicht alle Leute mit der Einstellung der Kirche zum Sabbat einverstanden. Aber ich glaube, man kann mit gutem Gewissen sagen, daß man uns deswegen respektiert. Viele bewundern die Tatsache, daß es immer noch Leute gibt, die für einen Grundsatz eintreten. Und es gibt heute viele Tahitier - nicht nur Fußballspieler, sondern auch Tausende Fans ‑ die nun den Sonntag mit der Familie verbringen, anstatt zu einem Match zu gehen - und das nur, weil ein Heiliger der Letzten Tage Charakter gezeigt hat."

Die größte Frage ist vielleicht immer noch offen: Warum war ein Mann in der Position von Napoleon Spitz bereit, so weit zu gehen, daß er Erroll Bennett wegen seiner Einstellung zum Sonntag unterstützte, obwohl er seine religiösen Anschauungen nicht teilt? Was bewundert der Präsident des mächtigen Comitee Territorial des Sports, der Französisch-Polynesischen Fußball-Liga und kürzlich gewählte Vizepräsident der französisch-polynesischen  gesetzgebenden Körperschaft an Enrroll Bennett so sehr? „Ich weiß, daß es für Erroll eine Frage tiefster religiöser Überzeugung war, und ich respektierte ihn deswegen", sagt Spitz. Dann lehnt er sich in seinem Stuhl im Amtsbüro im Parlamentsgebäude zurück und sagt mit großer Wärme: „Erroll Bennett ist mehr als nur ein Fußballspieler, Ich halte ihn für den größten tahitischen Fußballstar aller Zeiten - seine Einstellung und sein Geist als Spieler lassen erkennen, daß er ein großer Mann ist. Wenn er diese Eigenschaften hatte, bevor er Mormone wurde, so besitzt er sie jetzt in noch größerem Maß. Er ist in seiner ganzen Karriere nicht ein einziges Mal wegen unfairen Verhaltens verwarnt worden." Niemand kann sagen, wie lange Erroll Bennett noch Fußball spielen wird, doch man hat das Gefühl, daß ein ehrenvoller Abgang vielleicht nicht allzuweit in der Zukunft liegt. Als der Pfahl Tahiti Papeete am 20. Juni vorigen Jahres geteilt wurde, wurde Erroll Bennetts früherer Bischof, Lysis Terooatea, als Präsident des neuen Pfahls Prae berufen, Erroll Bennett als Mitglied des Hohenrates. Wie erwartet, haben für ihn die Sitzungen des Hohenrates Vorrang vor dem Training. Napoleon Spitz hofft, Bennett werde so lange weitermachen, bis die Südpazifische Meisterschaft, die dieses Jahr in Apia auf Samoa stattfindet, vorüber ist.

Bennett sagt über sein eigenes Leben in den letzten fünf hektischen Jahren - über den Druck, dem er ausgesetzt war, die Grundsätze, für die er eingetreten ist. und die Menschen, die er beeinflußt hat: „Ich bin wahrhaftig gesegnet worden."

 


In die Fußstapfen seines Vaters

Er wohnt auf Tahiti und spielt für sein Leben gerne Fußball, manchmal vier Spiele an einem einzigen Tag. Er spielt für die beste Mannschaft Tahitis. Und einer der berühmtesten Fußballspieler Tahitis wohnt im selben Haus wie er. Er nennt ihn Vater.


 

Naea Bennett empfindet das sowohl als Vorteil als auch als Nachteil. Jeder auf Tahiti kennt nämlich Erroll Bennett, Naeas Vater. Als junger Mann war er der beste Fußballspieler Tahitis, vielleicht sogar der beste Spieler im ganzen südpazifischen Raum. Dann lernte er die Kirche kennen und wollte sich taufen lassen. Die Missionare erklärten ihm, daß man den Sabbat heilighalten muß, aber sämtliche Fußballspiele fanden am Sonntag statt. Doch Erroll Bennett und seine Frau wollten sich unbedingt taufen lassen, und deshalb war er bereit, das Fußballspielen aufzugeben. Für ihn stand fest: wenn er sein Leben dem Herrn weihte, dann mußte er auch die Weisungen des Herrn befolgen, nämlich daß der Sabbat Geistigem vorbehalten war.

Erroll Bennetts Entschluß wirbelte viel Staub auf, denn Fußball gehört zu den beliebtesten Sportarten auf Tahiti, und er war der beste Spieler der besten Mannschaft. Seine Verwandten, seine Mannschaftskameraden und auch die Sportfunktionäre bedrängten ihn. Aber als Erroll Bennett sich taufen ließ und ganz deutlich machte, daß er in Zukunft nicht mehr am Sonntag spielen werde, verlegten die Sportfunktionäre die Fußballspiele auf andere Abende, damit Erroll Bennett spielen konnte. Sie änderten den Spielplan so, daß die Spiele, die eigentlich für den Sonntag angesetzt waren, während der Woche stattfinden konnten. Es stellte sich heraus, daß Erroll Bennetts Mannschaftskameraden sich sehr über den freien Sonntag freuten, weil sie dann Zeit für ihre Familie hatten. Nun spielte die Mannschaft noch besser als vorher, und Erroll Bennett schoß noch mehr Tore. Und weil die beste Mannschaft Tahitis nicht am Sonntag spielen wollte, fanden die Meisterschaften eben am Samstag statt. Selbst die Endspiele der Pazifikmeisterschaften wurden verlegt. Ein einziger Mann, der unerschrocken für seine Überzeugung eintrat, brachte es fertig, die Sportgewohnheiten eines ganzen Landes zu verändern.

So ist Erroll Bennett, Naeas Vater, der heute als Präsident des Pfahles Pirae auf Tahiti dient. Und wegen seines Vaters braucht Naea nicht am Sonntag zu spielen. Er mußte nicht eine so schwierige Entscheidung treffen wie sein Vater, ebensowenig die übrigen elf jungen Mitglieder in Naeas Mannschaft. Und Naeas Schwestern haben am Sonntag keine Basketballspiele. Jeder auf Tahiti weiß, daß man einen Heiligen der Letzten Tage gar nicht erst zu fragen braucht, oh er sonntags spielen wird. Wie steht Naea zu der Entscheidung seines Vaters? „Ich bin sehr stolz auf ihn. Es war die richtige Entscheidung, und jeder in Polynesien weiß davon.”

Das ist der Vorteil, wenn man einen berühmten Vater hat. Der Nachteil ist, daß jeder von einem erwartet, daß man genauso gut ist wie er. Präsident Bennett ist sich der Erwartungen, die an seinen Sohn gestellt werden, sehr wohl bewußt. „Die Menschen erwarten von ihm, daß er genauso ist wie ich”, sagt er. „Aber ich sage ihm immer, daß er sich darüber keine Gedanken machen soll. Er soll so spielen, wie er es für richtig hält, und nicht versuchen, jemand anders nachzumachen. Durch das Training, dem er sich unterzieht, wird er dann genau der Spieler, der er sein soll.”

Präsident Bennett spielt noch heute in dem Club, dem auch sein Sohn angehört, und zwar in der Ehrenmannschaft. Aber mit 42 Jahren ist er am Ende seiner Fußballkarriere angekommen, und er sagt, daß er sein Alter schon spürt. Es macht ihm Spaß, die jüngeren Spieler zu trainieren. Aber auf dem Spielfeld will er noch nicht alles seinem Sohn überlassen. Scherzend, aber mit unverkennbarem Stolz in der Stimme kommentiert er das Spiel seines Sohnes: „Er wird es schon schaffen. Ich sage nicht, daß er besser ist als sein Vater, aber er wird es schon schaffen.

Was den Fußball betrifft, tritt Naea in die Fußstapfen seines Vaters. Aber er hat auch noch andere Pläne: „Ich möchte gerne auf Mission gehen.” Erroll Bennett schloß sich der Kirche erst an, als er schon verheiratet war, und ging deshalb nicht auf Mission. Deshalb würde es ihm große Freude machen, seinen Sohn auf Mission zu unterstützen.

In ruhigen Augenblicken sitzen Vater und Sohn zusammen auf der Veranda ihres Hauses, und Präsident Bennett spricht von seiner Lieblingsschriftstelle, nämlich Alma 17:2,3. Dort wird berichtet, wie die Söhne Mosias nach vielen Jahren ihren Freund Alma wiedertrafen. Sie hatten alle eine Mission erfüllt und freuten sich sehr, daß ihr Glaube noch fest war und daß sie alle Gottesmänner waren.

Man kann sich leicht vorstellen, was Präsident Bennett sich für seinen Sohn wünscht. Ob Naea nun Fußball spielt oder etwas anderes macht – am meisten würde er sich freuen, wenn Naea Gott weiterhin treu diente

Janet Thomas, September 1995

 


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