Der unvergeßliche Sommer

Veröffentlicht auf von Bettina

In meinem ganzen Leben habe ich nie den Glauben meines Vaters in Frage gestellt. Seine Überzeugung hat in meinem Leben einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Sie war mir so fest eingeprägt, daß sie jeder Prüfung, jeder Anfechtung und jeder Herausforderung standhielt.
Als ich ein Junge war, wohnten wir auf einer kleinen Farm in Utah, wo es wenig Geld, dafür aber genug Arbeit gab. In diesen frühen Jugendjahren erschienen mir die Sommer besonders schwierig und voll endloser langweiliger Arbeit. Die Rüben mußten ausgedünnt werden, der Mais geharkt. die Bewässerungsgräben ausgeputzt; das lästige Unkraut wuchs immer wieder nach, und die Heuernte nahm kein Ende.
Die einzige Rettung, die einzige Oase in der ganzen Sommerarbeit war der Sabbat. Wir wußten alle: der Sonntag war der Tag des Herrn. Das Unkraut, das Heu auf den Wiesen und das schnittreife Korn mußten bis Montag warten.
Am Sonntag nicht zu arbeiten war nicht ganz so einfach. Es war nicht damit getan, das Arbeitsgerät hinzuhängen und daheim zu bleiben. Es gab Komplikationen. Der Sommer war nämlich die einzige Zeit, wo sich der Farmer finanziell absichern konnte. Wenn er in den kurzen Sommermonaten nicht gut wirtschaftete, folgte ein langer und karger Winter. Die Ernte mußte einfach gut ausfallen, und meistens war das Wasser dafür ausschlaggebend, ob man diesen bescheidenen Erfolg erzielte. Und Wasser war in Utah Mangelware. Es kam nur selten in Form von Regen, sondern mußte im Winter und Frühling sorgfältig in einem Reservoir aufgefangen und dann über die heißen, trockenen Sommerwochen verteilt werden.
Jede Farm war auf den Bewässerungskanal angewiesen. Der Kanal mit seinem lebensspendenden Wasser bewahrte den Farmer vor dem sicheren Ruin. Bewässerung war eine Grundvoraussetzung, und manchmal ergab sich daraus ein regelrechtes Sabbatdilemma. In manchen Jahren war ein Farmer am Montag an der Reihe, manchmal am Dienstag und manchmal an einem anderen Wochentag. Gelegentlich aber fiel der Tag auf einen Sonntag. Dem Farmer blieb keine Wahl.
So wie alle anderen war auch Vater in manchen Jahren am Sabbat an der Reihe. Ich kann mich gut an diese Jahre erinnern, weil mich die Entschlossenheit meines Vaters. den Sabbat heilig zu halten, immer sehr beeindruckte. Der Herr hätte ihn wahrscheinlich nicht verdammt. wenn er seine Farm am Sabbat bewässert hätte. Er kannte das Herz meines Vaters. und er kannte die Umstände, unter denen er und die anderen Farmer arbeiten mußten. Vater wollte aber sogar diese Sabbatarbeit vermeiden. Er war überzeugt davon, daß niemand am Sabbat eingeteilt würde, wenn der Herr die Einteilung selbst vornähme. Ich habe Vater nie ein Wort über seinen Entschluß, am Sonntag nicht zu arbeiten, sagen hören, aber sein Leben spiegelte diesen Entschluß wider.
Wenn Vater am Sonntag an die Reihe kam, tat er alles in seiner Macht Stehende, damit er am Sabbat nicht bewässern mußte. Er wartete Freitag und Samstag am Kanal, ob von den Farmern über ihm überschüssiges Wasser kam. Er holte jeden Tropfen aus dem Kanal, und am Sonntag waren die Felder bewässert. Ich kann mich nicht entsinnen, daß er jemals gezwungen gewesen wäre, am Sabbat zu arbeiten. Es bedeutete, daß er mehr zu tun hatte, aber er brachte das Opfer gern. wenn er dafür am Sabbat ruhen konnte. Es schien immer alles gutzugehen. Ich beobachtete ihn im Lauf der Jahre, und seine Hingabe und Entschlossenheit waren mir immer ein Zeugnis, daß der Herr jeden segnet, der sich bemüht, seine Gebote zu halten.
Eines Jahres aber kam für ihn eine besondere Glaubensprobe. Die sengende Sommerhitze schien in diesem Jahr früher als sonst zu kommen – schlimme Anzeichen für eine Trockenheit. Die Tage zogen sich langsam dahin, und die Sonne verbrannte alles: den Rasen, den Gemüsegarten und die Felder, die unter ihren sengenden Strahlen verdorrten. Ausgerechnet in diesem Jahr kam Vater am Sonntag zum Bewässern an die Reihe. Die Felder brauchten Wasser. Am Freitag und Samstag kam kein überschüssiges Wasser, und so waren die Felder am Sonntag trocken.
An einem Sonntagmorgen wandte sich meine Mutter sorgenvoll an meinen Vater. „Joseph”, sagte sie, „ich glaube. du solltest lieber Wasser vom Kanal herleiten. wenigstens auf den Rasen und in den Garten. Alles wird welk.”
Und so war es auch. Ohne Wasser verbrannte alles. Es blieb nichts anderes übrig. Die Felder brauchten Wasser, und wenn Vater nicht wässerte, solange er an der Reihe war, würde es erst am folgenden Sonntag wieder Wasser geben. Eine ganze Woche würden die Felder nicht mehr überstehen.
Vater verließ also das Haus. bevor er sich für die Versammlungen kleidete. Die Schaufel trug er auf der Schulter. Es muß für ihn furchtbar enttäuschend gewesen sein, an diesem Morgen hängenden Kopfes den Berg hinaufzugehen. All die Jahre hatte er sich bemüht, diese Arbeit zu vermeiden, und jetzt konnte er nicht anders. Wir waren sicher, daß der Herr ihn nicht verdammen würde. Trotzdem hatte er den starken Wunsch, einen Ausweg zu finden.
Er kam an den Kanal und stellte das Wehr aus Zelttuch auf, aber bevor er noch irgend etwas anderes tat, hielt er inne und überlegte, immer noch über den Kanal gebeugt. Was sollte er tun? Er dachte an das Gebot des Herrn, den Sabbat heilig zu halten. Glaubte er das wirklich? War es nicht nur ein Lippenbekenntnis. sondern lebte er auch danach?
Während er noch in Gedanken versunken war, empfing er eine machtvolle und deutliche Kundgebung, die er nie vergessen sollte: „Zieh das Wehr heraus. Nimm die Schaufel und das Werkzeug. Ich werde für alles sorgen. Vielleicht nicht früh am Tag, aber ich sorge dafür. Was den Sommer angeht, überlaß das mir. Ich sorge für dich.”
Mein Vater richtete sich auf. Es war niemand da. Er blickte zum Himmel – er war klar und blau, keine Wolke war in Sicht. Es wehte eine trockene Brise. Der Tag würde heiß und drückend werden. Die Sonne stach herab, und die Erde war ausgedörrt und staubtrocken. Vater zog das Zelttuchwehr heraus, kehrte dem Kanal den Rücken und ging nach Hause. Er hatte ein Gebot empfangen, das war ihm klar. Er wußte nicht, auf welche Weise für ihn gesorgt werden würde, aber soviel stand fest, daß er eine Verheißung empfangen hatte. Er zog sich an und ging zu den Sonntagsversammlungen. Die Farm überließ er der Macht, auf die er sein Leben lang vertraut hatte.
Der Himmel war noch immer wolkenlos, die Luft heiß, und die Felder welkten immer noch unter der sengenden Sonne, als sie von den Versammlungen nach Hause kamen. Da kein Anzeichen der Besserung zu erkennen war, wandte sich Mutter in ihrer Sorge um den Garten an Vater, der ihr gegenüber von seinem Erlebnis am Morgen noch nichts erwähnt hatte: „Es sieht nicht nach Regen aus”, sagte sie. „Was wirst du wegen des Gartens tun?”
Zum zweiten Mal an diesem Tag stieg Vater den Hügel zum Bewässerungskanal hinauf, bedrückt von der Lage, in der er sich befand. Zögernd stellte er wieder das Wehr auf. aber dann hielt er inne, verwundert über seine schwindende Überzeugung. „Wo ist denn dein Glaube?” fragte er sich.
Von einem neuen Vorsatz erfüllt, zog er das Wehr wieder aus dem Kanal und ging den Hügel hinab, fest entschlossen, nie wieder am Sabbat zum Kanal zu gehen. Als er den Hügel herabkam, blickte er zum Himmel auf und sah, wie Wolken aufzogen. Eine Stunde später goß es in Strömen. Die trockene Erde sog das ersehnte Naß auf, und Rasen, Garten und Felder belebten sich.
Dieser Regen war ein Wunder, aber es war nur ein Anfang. Der Sommer begann erst richtig. Die heißen Monate Juli und August standen noch bevor. Doch Vater machte sich keine Sorgen. Der, der das Gesetz gab, hatte ihm seine Hilfe verheißen. Er würde es möglich machen, das Gesetz zu befolgen. Eine Woche darauf bat ein Nachbar meinen Vater, ob er nicht einen Teil seines Wassers am Sonntag gegen eine kurze Bewässerungszeit am Samstag tauschen wolle. Vater freute sich. Während dieser kurzen Zeit am Samstag konnte er wenigstens den Garten und den Rasen bewässern. Trotzdem würde er es unmöglich schaffen, all die Hektar Mais, Gerste und Wiese zu bewässern. Doch der Herr segnete ihn auf andere Weise. Immer wieder zogen während des Sommers Wolken herauf, es fiel Regen, und die Felder bekamen Wasser – gerade dann, wenn es am notwendigsten war.
Mein Vater war sich so gewiß, daß der Herr für ihn sorgen würde, daß er den ganzen Sommer keinen einzigen Wassergraben ausputzte und in den Maisfeldern die Bewässerungsfurchen nicht nachzog. Und das im heißen, trockenen Utah, wo der Farmer bedingungslos auf die Bewässerung angewiesen ist. In diesem Sommer wurden die Wassergräben auf Vaters Feldern kein einziges Mal gebraucht. Noch nie hatte Vater einen ganzen Sommer lang auf das Bewässern verzichten können, aber dieser Sommer war anders. Es war der Sommer des Herrn, und er sorgte für uns.
Als der Sommer vorüber war, hatte Vater drei Rekordernten Heu eingebracht, der Gersteertrag war überreichlich und auch Silomais war im Überfluß vorhanden. Des Himmels Schleusen hatten sich wahrlich aufgetan, und der Herr hatte in der Tat für uns gesorgt.
Seitdem ist schon einige Zeit vergangen, doch mein eigener Glaube ist seit jenem Sommer nur stärker geworden. Wie oft möchte uns der Herr segnen, doch wir hindern ihn daran. Wir wagen es nicht, auf ihn zu vertrauen, der uns ja alles gegeben hat, und doch möchte er nichts lieber, als uns das Wasser des Lebens zu senden. Sein Segen erwartet uns, doch müssen wir ihm ganz und rückhaltlos vertrauen. Vielleicht müssen wir manchmal zusehen, wie unsere Träume welken und verdorren, ohne daß am Horizont das geringste Zeichen der Besserung sichtbar ist. Dann aber, nachdem unser Glaube geprüft ist, folgt das Wunder
Alma J. Yates, Februar 1983

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