Nachdem ich mich zur Kirche bekehrt hatte, brauchte ich einige Zeit, um alle Grundsätze des Evangeliums zu begreifen. Manche Gebote und Lehren
waren mir zuerst einfach nicht klar — zum Beispiel die Sonntagheiligung.
Vor meiner Taufe hatte ich eine Jugendgruppe geleitet, und wir hatten am Sonntagnachmittag alles Mögliche gemacht — Football gespielt, Drachen steigen lassen usw. Ich fand nichts dabei, auch
nicht, als ich mich taufen ließ. Ich hatte das Gefühl, es fördere die Solidarität und Kameradschaft innerhalb der Gruppe. Aber vor allem ein bestimmter Sonntagnachmittag brachte mich dazu, über
das, was ich da tat, nachzudenken.
Die Gruppe wollte Eishockey spielen, aber wir hatten nicht genug Spieler. Da kam mir eine großartige Idee. Ich konnte doch die Harrisons, die Familie des Zweigpräsidenten, anrufen. Vier ihrer
sieben Kinder waren alt genug um mitzuspielen. Dann hatten wir doppelt so viele Spiele, und es den ältesten in der Familie an, und er sagte begeistert zu.
Aber als ich ins Haus kam und darauf wartete, daß sie ihre Schlittschuhe und Extrahosen zusammensuchten, spürte ich, daß etwas nicht in Ordnung war. Präsident Harrison sah sehr mißvergnügt aus,
und Les blickte sehr verwirrt drein, und mir war klar, daß ich in eine ernste Diskussion zwischen den beiden geplatzt war. Schließlich wurde das Schweigen dadurch unterbrochen, daß der
Zweigpräsident mich ansah und freundlich meinte, seine Kinder hätten ihre Entscheidungsfreiheit, aber er sei dagegen, und wüßte ich überhaupt, daß Sonntag sei? Drei der vier kamen mit, aber ich
hatte ein schlechtes Gewissen, als wir das Haus verließen.
Die Zeitschrift der Kirche kam in der Woche, und ich sah, daß mehrere Artikel vom Sonntag handelten. Ich las die ganze Zeitschrift durch, um festzustellen, was die Führer der Kirche zu dem Thema
zu sagen hatten. Dann stellte ich mir eine ausführliche Liste dessen auf, was am Sonntag verboten war, war eine gute Möglichkeit, meine ' und beschloß, den Sonntag zu Gruppe mit Mitgliedern der
Kirche bekanntzumachen. Ich rief Les, heiligen, auch wenn es mich umbrachte. Schwestern in dem Altenheim zu besuchen.
Unser erster Besuch war eine Katastrophe. Wir besuchten jede Schwester für sich und kamen kaum über ein „Wie geht es Ihnen?” hinaus. Als wir gingen, war uns zweierlei klar: erstens brauchten sie
uns, und zweitens konnten wir das besser machen. Am nächsten Sonntagnachmittag hatten wir zwar die 240 Kilometer von der Distriktskonferenz nach Hause zu fahren, aber Keith und ich überredeten
Les Harrison, sei-ne Schwester LeAnn und Portia, eine Krankenpflegeschülerin, gemeinsam mit uns die beiden Frauen zu besuchen.
Wir fuhren die beiden Schwestern im Rollstuhl in eine stille Ecke. Keith las einen Artikel aus einer Zeitschrift der Kirche vor, Les las eine Schriftstelle vor, und Portia sprach ein
wunderschönes Gebet. Wir hatten ein gutes Gefühl, und am nächsten Sonntag kamen wir mit sieben Jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Mit Präsident Harrisons Erlaubnis segneten Les und Keith das
Abendmahl und teilten es an die Schwestern aus. Dann schoben wir sie im Rollstuhl in die kleine Kapelle des Altenheims und
Es war eine gute Erfahrung.
Am nächsten Sonntag wußte ich nicht, was ich tun sollte. Ich hielt mich an den Buchstaben des Gesetzes, aber nicht an den Geist, und irgend etwas fehlte. Die Eishockeyepisode fand irgendwann in
der Weihnachtszeit statt, und die Sonntage im Januar vergingen, aber es war doch nicht das Richtige.
Dann zog im Februar ein neues Mitglied namens Keith in unseren kleinen Zweig. Er war erst seit fünf Monaten Mitglied und hatte die Begeisterung von vier Missionaren in sich. Als das College, an
dem wir studierten, ein „Adoptivgroßelternprogramm” ankündigte, das ein Altenheim am Ort einbezog, schlug Keith vor, daß wir, als die einzigen Mitglieder der Kirche am College, mitmachen und ein
gutes Beispiel geben sollten. Wir sprachen darüber, daß wir zwei Mitglieder unseres Zweigs besuchen wollten, die in dem Altenheim lebten, aber es wurde nichts daraus.
An einem Sonntag im Februar hielt Präsident Harrison dann eine Ansprache zum Thema Glauben. Er sagte, wahrer Glauben heiße, daß man seine Worte und seine Glaubensvorstellungen in die Tate
umsetze. An dem Nachmittag beschlossen Keith und ich, die
sangen ein Kirchenlied. Anschließend lasen wir abwechselnd einen Artikel aus einer Zeitschrift der Kirche, ein Gedicht und eine Schrift-stelle vor. Zum Abschluß sangen wir noch ein Lied und
sprachen ein Gebet.
Um drei Uhr gingen wir nach Hause, und weil wir alle Hunger hatten, lud Les uns zu einer Suppe zu sich nach Hause ein. So kam ich an dem Sonntag wieder ins Haus des Zweigpräsidenten, aber
dies-mal war es ganz anders als an dem Sonntag, als ich dort jemanden zum Eishockeyspielen gesucht hatte. Unter der Woche waren wir sieben über die ganze Stadt verstreut, und viele von uns hatten
keine Angehörigen in der Kirche. Aber an jenem Sonntagnachmittag saßen wir um den Tisch herum und unterhielten uns miteinander und mit den Eltern von Les, erzählten Witze und Geschichten und
sprachen darüber, wie es ist, wenn man als einsamer Heiliger der Letzten Tage von lauter Nichtmitgliedern umgeben ist. Es war wirklich ein inspirierendes Erlebnis.
Als ich um zehn Uhr abends nach mehreren weiteren Versammlungen endlich nach Hause kam, hatte ich keine Zeit mehr, an meiner Genealogie zu arbeiten oder einem Missionar einen Brief zu schreiben,
wie ich es mir vorgenommen hatte. Als ich an dem Abend zum Beten niederkniete, wurde mir klar, daß man am Sonntag viel mehr machen konnte, als ich an einem einzigen Tag überhaupt schaffte, und
ich dankte dem himmlischen Vater dafür, daß er uns diesen besonderen Tag geschenkt hatte.
Clytee Kleager, Mai 1992