Sama, der Daumen

Veröffentlicht auf von Bettina

Die Feier war etwas so Besonderes, daß ich deswegen über 6000 Kilometer heim in das Dorf Faletele auf Samoa fuhr. Das Dorf sprudelte vor Aktivität. Über hundert meiner Verwandten aus vielen Teilen Samoas und zahlreiche Ehrengäste aus anderen Dörfern hatten sich unter die paar hundert Dorfbewohner gemischt.
Ich spazierte durch das Dorf in Richtung auf das große Fa/e (Haus) mit dem Kuppeldach, als ich plötzlich meinen Vetter Sama entdeckte. Und plötzlich fühlte ich Stolz, Trauer und Zuneigung zugleich, als ich nämlich daran dachte, wie ich Sama zum ersten Mal begegnet war – Sama, dem Daumen.
Ich war fünf Jahre alt, und Sama war zehn. Seine Eltern waren nach Neuseeland zur Weihung des Tempels gefahren, und Sama sollte solange bei uns bleiben.
Ich schaute zu, wie die jungen Männer und die Jungen Ball spielten. Da hielt auf der Straße ein Autobus an, und eine meiner Tanten stieg aus. Mit ihr kam ein Junge, der uns als unser Vetter Sama vorgestellt wurde. Dann gingen die beiden zum Fale des Tuita'ua, und ich folgte ihnen.
Tuita'ua Ioane war der Älteste und das Oberhaupt unserer Familie. Ihn ehrten und ihm gehorchten Hunderte von Verwandten – Geschwister, Ehemänner und Ehefrauen, Tanten und Onkel, Enkel, Vettern und Kusinen. Tuita'ua ist nämlich ein bedeutender Ehrentitel auf Samoa, und ein Tuita'ua wird von allen Samoanern geachtet.
Während der folgenden Tage hatten wir viel Spaß an Sama mit seinen Geschichten, seinen Witzen und seinem Sinn für Humor. Bald war er nicht nur unser Vetter, sondern auch unser guter Freund. Ob wir arbeiteten oder spielten – wenn Sama dabei war, lachten wir und hatten Spaß.
Am Sonntagmorgen konnte ich Sama nicht finden. Den ganzen Tag fragte ich die Leute aus dem Dorf, ob sie ihn gesehen hätten, aber keiner wußte, wo er war.
Am späten Nachmittag endlich, lange nach unserem Gottesdienst und der Mahlzeit am Nachmittag, kam Sama in weißem Hemd und weißem Lavalava (eine Art Rock der Einheimischen) ins Dorf zurück.
Tuita'ua Ioane rief ihn zu sich ins Fale. „Wo warst du, Sama?” fragte er.
„In Fuapa'epa'e.”
„Du bist zwölf Kilometer nach Fuapa'epa'e und zurück gelaufen?”
„Ja, Ehrwürdiger.”
„Warum?”
„Weil es das nächste Dorf ist, wo ich zu meiner Kirche gehen kann.”
Tuita'ua Ioane nahm seine Lesebrille ab und legte sie auf die Bibel, in der er gerade gelesen hatte. „Sama, es gibt eine Regel in Faletele, die besagt, daß es in unserem Dorf nur eine Kirche gibt und daß alle Einwohner diese Kirche besuchen. Verstehst du? Du gehörst zu meiner Familie, Sama, aber du bist auch Gast in diesem Dorf, und ich muß auf dich achtgeben.” Er beugte sich vor und blickte Sama in die Augen. „Tu, was du zu tun hast.”
Während der nächsten Woche erwähnte niemand Samas Ausflug nach Fuapa'epa"e. Wie zuvor scherzten und lachten wir miteinander bei Arbeit und Spiel.
Die Schwierigkeiten begannen am zweiten Sonntag. Ein Streit weckte mich. Zwei meiner Vettern, Malini und Tofo, liefen hinter Sama her, der wieder das weiße Hemd und den weißen Lavalava trug.
„Sama”, rief Tofo, „du kennst doch die Dorfregell”
Malini packte Samas Arm. „Wie kannst du Tuita'ua Ioane nur so vor den Kopf stoßen?”
Mutig stand Sama vor den beiden. „Tuita'ua Ioane hat gesagt, daß ich tun soll, was ich zu tun habe. Und das hier muß ich tun!”
Als er fortging, rief Malini ihm nach: „Sama, bring unsere Familie doch nicht so in Verlegenheitl”
Am Abend kam Sama nach Faletele zurück, und einige Leute machten sich über ihn lustig und gaben ihm Schimpfnamen. Ein paar verspotteten ihn und nannten ihn „Mamona” (Mormone). Alle Vettern waren böse auf ihn, und keiner wollte mit ihm reden. Das heißt, keiner außer mir. Die ganze Woche hatte ich Sama nur für mich. Wir unterhielten uns und sangen, er erzählte mir Geschichten – es war wunderbar.
Am Samstag abend sagte Malini zu Sama: „Hoffentlich wirst du unsere Familie morgen von der Schande befreien und mit uns in die Dorfkirche gehen."
Doch am Sonntag morgen war Sama wieder verschwunden. Neben jeder Schlafmatte lag ein Geschenk, das Sama angefertigt hatte.
Als Sama am Abend wiederkam, lief ich ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. Er wollte auch gern mit den anderen sprechen, bis er sah, daß sie seine Geschenke zerbrochen und fortgeworfen hatten.
„Die Leute im Dorf haben unsere Vettern aufgehetzt”, erklärte ich. „Aber ich habe mein Geschenk noch. Es gefällt mir sehr, vielen Dank dafür!”
Sama lächelte mich an und hielt sich dann abseits, bis es Zeit fürs Abendessen war. Die Vettern schrien: „Du bist eine Schande für unsere Familie! Such dir eine andere Schlafstelle, im Fa/e der Jungen wollen wir dich nicht mehr haben!”
Sie stießen Sama zu Boden und hoben die Fäuste, um ihn zu schlagen. „Deinetwegen geben uns unsere Freunde Schimpfnamenl”
Ich hatte Angst, daß die Vettern Sama wehtun könnten, und so rannte ich los, um Tuita'ua Ioane zu holen. Doch der hatte den Streit gehört und war schon am Eingang seines Fale. „Hört sofort auf, Jungs!” befahl er. „Kommt alle herein zu mir!”
Die Jungen hörten sofort auf, als sie seine Stimme hörten. Beschämt gingen sie ins Fale und setzten sich hin.
„Seht meine Hand an!” Tuita'ua Ioane hielt ihnen eine Hand entgegen. „Seht ihr, wie diese Finger zusammenhängen? Und wie der Daumen hier ganz für sich selbst ist?”
Wir alle blickten auf seine Hand.
„Auf Samoa gibt es ein Sprichwort: Der Daumen steht allein, aber von allen Fingern ist er der stärkste.”
Dann deutete Tuita'ua auf jeden einzelnen von uns Vettern. „Ihr, Jungs, seid die Finger. Aber Sama ist der Daumen!”
Obwohl ich noch sehr jung war, habe ich an diesem Abend viel gelernt. Tuita'ua Ioane hat uns gezeigt, daß wir uns selbst treu sein und tapfer zu dem stehen müssen, was wir glauben. Seine Worte und Samas Beispiel haben mein Leben verändert.
Ich dachte an jene längst vergangenen Tage, dann schritt ich die Stufen des großen Fale hinauf und zog die Schuhe aus, wie es Brauch war. Sama sah mich sofort. Und dann umarmten wir einander. Alle waren nur aus einem Grund zusammengekommen – um dem neuen Tuita'ua die Ehre zu erweisen. Tuita'ua Sama.
Für mich jedoch würde er immer nur Sama sein – Sama, der Daumen.
Greg Larson, Kinderstern November 1989

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