Den Sabbat heilighalten

Veröffentlicht auf von Bettina

„Ich bezeuge: Wenn wir einmal alles vom Blickwinkel der ewigen Wahrheit aus sehen, dann werden wir überrascht sein, wie sehr wir auf wichtige, oft unbekannte Weise gesegnet worden sind, weil wir den Sabbat heilig gehalten haben.”

Ich bete sehr darum, daß der Geist des Herrn weiter wie bisher bei uns bleiben wird. Gott hat uns aufgefordert: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!” (Exodus 20:8.) Dieses Gebot ist schon während der gesamten Menschheitsgeschichte in Kraft. Es liegt Macht darin, wenn man den Sabbat heiligt. Ich bezeuge, daß Gott lebt, daß wir seine Kinder sind, daß er uns liebt und daß er uns Gebote gegeben hat, damit er uns segnen kann, wenn wir die Gebote halten, und dadurch Freude empfinden. Wenn wir den Sabbat heiligen, wird er uns segnen, und wir werden für uns selbst, für unsere Familie und für die ganze Nation eine stille Kraft erhalten, die uns auf keine andere Weise zuteil werden kann.
Ich möchte Ihnen zwei Beispiele vorlegen:
Die kleine Insel Tonga liegt in unmittelbarer Nähe der internationalen Datumslinie, deshalb ist Tonga das erste Land der Welt, das den Sabbat willkommen heißt. Tonga ist nur klein und nach den Maßstäben der Welt arm. Aber vor vielen Jahren bestimmte ein weiser König, daß der Sabbat auf Tonga für alle Zeit geheiligt werden sollte.
Die moderne Zivilisation hat Tonga auf vielfache Weise beeinflußt. Wenn man wochentags durch die Hauptstadt Nuku'alofa geht, sieht man das gewohnte Bild von dichtem Verkehr vor sich: Lastwagen, Personenwagen und Tausende von Kunden drängen sich und kaufen in den wohlbestückten Läden und Märkten ein. Man sieht die Leute Schlange stehen, um einen neuen Film zu sehen oder ein Videoband auszuleihen. Man sieht moderne Busse, die Touristen ausspucken, die ihr Flugzeug erwischen wollen, man kann per Satellit in die Vereinigten Staaten anrufen, die Leitung ist schnell und deutlich. Die Straßen sind voll, und die Geschäfte gehen gut. Sie fragen sich vielleicht: „Was unterscheidet diese Stadt denn nun von Hunderten anderer ähnlicher Städte auf der ganzen Welt?”
Wenn über dem Königreich Tonga aber der Sonntag heraufdämmert, dann sieht man die Wandlung. Wenn man in die Stadt geht, sieht man ausgestorbene Straßen – keine Taxis, keine Busse, keine Menschenmassen. Alle Geschäfte, alle Märkte, alle Kinos und alle Büros sind geschlossen. Die Flugzeuge fliegen nicht, Schiffe laufen weder ein noch aus, und nirgendwo wird Handel gleich welcher Art getrieben. Niemand spielt. Die Menschen gehen zur Kirche. Tonga hat nicht vergessen, den Sabbat zu heiligen.
Es ist bedeutsam, daß das Land, das als erstes auf der Welt den Sabbat willkommen heißt, ihn auch heilig hält.
Hat der Herr das Volk gesegnet? Vielleicht kann die Welt seine Segnungen nicht sehen, aber wo es wirklich darauf ankommt, hat er sie in überreichem Maße gesegnet. Er hat sie mit dem Evangelium Jesu Christi gesegnet, und auf Tonga gehört ein gräßerer Prozentsatz der Bevölkerung der Kirche an als in jedem anderen Land der Welt.
Einfache, gepflegte Gemeindehäuser überziehen das Land. Überall sieht man lächelnde eingeborene Missionare. In Tonga gibt es einen wunderschönen, außerordentlich gut besuchten Tempel, der eine Verheißung erfüllt, die vor unzähligen Jahren ausgesprochen wurde. Und, wie man es wohl nicht anders erwartet hat, liegt das Volk von Tonga mit seinen Anwesenheitszahlen und seinem Zehntenaufkommen beinahe an der Spitze. Vor kurzem sind die Heiligen mit einigermaßen intensivem Widerstand gesegnet worden, der aber nur dazu beiträgt, daß sich diejenigen, die wirklich nach dem ewigen Leben trachten, noch mehr heiligen können.
Liebt und segnet der Herr diejenigen, die den Sabbat heiligen? Ich bezeuge, daß er das tut, und zwar auf eine Weise, die Bedeutung für die Ewigkeit hat. Ich bezeuge weiter: Wenn wir einmal alles vom Blickwinkel der ewigen Wahrheit aus sehen, dann werden wir überrascht sein, wie sehr wir auf wichtige, oft unbemerkte Weise gesegnet worden sind, weil wir den Sabbat heilig gehalten haben. Wir werden dann möglicherweise auch zu unserem Kummer erkennen, wie viele Segnungen wir uns vorenthalten haben, weil wir den Sabbat nicht immer geheiligt haben.
Zwischen dem richtigen Heiligen des Sabbats und wahrer Ehrfurcht vor Gott, die sich im Halten der anderen Gebote zeigt, besteht ein direkter Zusammenhang.
Wir können nicht alle auf Tonga wohnen, aber wir können alle den Sabbat heiligen und die Segnungen erhalten, die sich daraus ergeben. Und diese Segnungen erfolgen, unabhängig davon, wo wir wohnen, sie kommen sowohl zu uns persönlich als auch als Gemeinschaft.
Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel aus unseren Tälern hier erzählen:
Vor einiger Zeit wurde ich beauftragt, im Juni an einer Konferenz in Nordutah teilzunehmen. Als ich am Samstag durch das Cache-Valley fuhr, war ich von der Schönheit dieses friedlichen, grünen Tals sehr berührt. Ich bewunderte den Tempel in Logan auf so vielerlei Weise – ein ruhiges, friedliches Zeichen. Als ich an jenem klaren Sommertag weiter nordwärts fuhr, freute ich mich an den grünen Feldern, die eine reiche Ernte an vielerlei Getreide versprachen. Mir fiel besonders die hohe Zahl von Luzernefeldern auf und daß in fast allen ständig Bewegung herrschte. Es war so schön, das frisch gemähte Heu zu riechen und die geraden Furchen zu sehen, die die wohlbestellten Felder durchzogen.
Ich parkte das Auto am Straßenrand, oben auf einem Hügel, und stieg aus. Ich wurde richtig in das schöne Tal aufgesogen. So weit ich sehen konnte, spielte sich überall das gleiche ab: Gras wurde gemäht, aufgeschichtet und als Heu fortgefahren.
Ich fuhr schließlich weiter, in den Pfahl, wo wir eine wundervolle Konferenz hatten.
Meine Eltern wohnen im Südosten Idahos, und weil ich sowieso schon auf halbem Wege da war, beschloß ich, am Sonntagnachmittag zu ihnen zu fahren und sie zu besuchen, ehe ich mich auf den Weg nach Hause machte.
Also fuhr ich nach der Konferenz weiter durch das Cache-Valley nach Norden. Nach ein paar Meilen war ich bereits in Idaho, aber die Landschaft und das Gefühl waren die gleichen. Ich wurde wieder in die Schönheit der grünen Felder und den Geruch des frischen Heus um mich herum aufgesogen. Wieder hielt ich oben auf einem Hügel an und stieg aus. Ich sah mich in alle Richtungen um. Es war genauso schön wie am Tag vorher, vielleicht sogar schöner. „Ja, es ist eigentlich noch schöner”, dachte ich. „Aber warum?” Die Sonne, der Himmel, die Wolken und die Felder waren die gleichen. Warum hatte ich das Gefühl, daß der Anblick heute noch schöner war als am vorangegangenen Tag?
Wo lag der Unterschied? In der Ferne konnte ich ein kleines Gemeindehaus der Kirche sehen. Ich sah auch, wie ein paar Autos auf den Parkplatz fuhren. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Das ist anders! Niemand mäht heute oder fährt Heu.” Ich sah mich um, so weit ich konnte, und überall sah ich Felder, aber überall standen die Traktoren still, die Mähmaschinen waren abgestellt, und die Lastwagen standen still auf den Feldern. Niemand arbeitete, denn es war Sabbat, und im Cache-Valley leben zum großen Teil gute Heilige der Letzten Tage.
Als ich weiter nach Norden fuhr, sah ich überall Heu, das gemäht, aufgeschichtet und fortgefahren werden mußte. Es gab die nötigen Werkzeuge, und das Wetter war gut, aber niemand arbeitete auf den Feldern. Die Bewohner des Tals folgten einem höheren Gesetz; im Cache-Valley wurde der Sabbat heiliggehalten.
Ich fuhr an Dutzenden, ja sogar Hunderten von Bauernhöfen vorbei, wo die Maschinen auf den Feldern warteten. Sie waren am Samstagabend von gottesfürchtigen Männern stehengelassen worden und warteten auf den Montag, wo die Arbeit wieder anhub. Ich fragte mich: „Wird jemand diesen Zauber brechen, wird jemand heute draußen auf den Feldern arbeiten?”
Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke gefahren oder einen Hügel hinaufgefahren war, sah ich mich um und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus: Niemand arbeitete.
Ich fuhr immer weiter nach Norden und stellte fest, daß ich das wunderschöne Tal fast ganz durchquert hatte. „Wird jemand den Zauber brechen? Kann sich ein ganzes Tal Gott so sehr hingeben, daß niemand am Sabbat arbeitet?” Die Spannung wurde fast unerträglich. Nach jeder Kurve und auf jedem Hügel sah ich mich fast ängstlich um und lächelte dann, wenn sich die friedliche Szene fortsetzte.
Schließlich war ich an der letzten Kurve angelangt. Dort traf ich auf die Hauptstraße, und Cache-Valley war zu Ende. Ich schaute, so weit das Auge reichte, aber überall war es friedlich und ruhig. Ich war so aufgeregt, daß ich an die Seite fuhr, ausstieg, einen Luftsprung machte und rief: „Cache-Valley, du hast es geschafft. Du hast es geschafft! Ich bin der Länge nach durch dich hindurchgefahren. Du hast nicht gewußt, daß ich zugesehen habe, aber du hast es trotzdem geschafft – nicht ein einziges Feld ist gemäht worden, nicht ein einziger Traktor gefahren, nicht ein einziger Heuwagen unterwegs. Du hast es geschafft!” (Ich weiß schon, daß ich nur durch das nördliche Ende von Cache-Valley gefahren bin, aber es war immerhin Cache-Valley.)
Ich sah instinktiv zum Himmel auf und fragte: „Hast du das gesehen? Hast du Cache-Valley an diesem Sonntagnachmittag gesehen?”
Obwohl ich nichts hörte, war mir doch, als vernähme ich die Antwort: „Ja, wir wissen Bescheid. Wir sehen alles.”
In mir war so viel Freude, beinahe schon Ekstase, als ich nach Norden zu meinen Eltern fuhr, ehe ich mich auf den Heimweg machte.
Ich mußte noch lange an jenen Sonntagnachmittag denken. Ich dachte immer: „Du hast etwas Besonderes beobachtet, etwas wirklich sehr Bedeutendes: ein ganzes Tal hat den Sabbat des Herrn geheiligt.”
Ich habe seitdem oft darüber nachdenken müssen, aber wie so vieles andere geriet auch diese Erinnerung immer weiter in Vergessenheit, während ich mich mit aktuellen Problemen beschäftigen mußte. Der Winter kam, und ich vergaß das Erlebnis zur Gänze.
Ich reiste weiterhin jedes Wochenende in unterschiedliche Gebiete auf der Welt. Viele Monate später hatte ich den Auftrag, eine Konferenz in einer Stadt zu besuchen, von der bekannt ist, daß sie sich nicht an Gottes Gesetze hält. Die Heiligen dort waren wundervoll, aber – ach – die Dekadenz und Korruption, von der sie umgeben waren!
Als ich von diesem besonders hektischen Wochenende nach Hause kam, las ich in den Schriften. Ich dachte an Sodom und Gomorra. Waren die Menschen dort noch schlechter gewesen? Und doch hatte der Herr versprochen, er werde sie verschonen, wenn es dort nur fünfzig Gerechte, ja, sogar nur zehn Gerechte gab. Aber selbst diese ließen sich nicht finden.
Ich ließ meiner Fantasie freien Lauf, und es schien mir, als sähe ich Scharen von zerstörenden Engeln, die, vom Himmel Iosgelassen, über das Land donnerten. Und ehe ich noch Zeit hatte, über diesen Gedanken nachzudenken, sah ich mich selbst vor diesen zerstörenden Engeln stehen und rufen: „Halt, halt.” Und sie hielten inne. „Geht zurück”, sagte ich, und sie wendeten ihre Pferde; die Augen funkelten vor Ungeduld. Ihre Ungeduld war sichtbar, aber sie hielten inne.
Der Führer sah mir gerade in die Augen und fragte: „Mit welchem Recht befiehlst du uns, innezuhalten? Hast du nicht die Schlechtigkeit im Lande gesehen?”
Ich entgegnete: „Ja, ich weiß von der Verderbtheit der Welt. Ich sehe, wie sie ständig über Gottes Gebote spottet, wie die Menschen an seinem heiligen Tag Geschäfte machen, wie sie immer und immer wieder seine Gebote brechen. Ich sehe das Schlechte, das fast überall existiert. Ja, ja, all das stimmt ja, aber...” Und dann wurde ich besorgt. Welches Recht hatte ich denn, ihnen Einhalt zu gebieten?
Ich wendete meine Augen von dieser Szene ab, aber etwas in mir forschte weiter, forschte, bis mir schließlich wie ein Laserstrahl eine Erinnerung ins Gedächtnis zurückkam, etwas, was ich vor vielen Monaten erlebt hatte und das ich für solch eine Gelegenheit sorgfältig aufbewahrt hatte. Ich erinnerte mich an den Anblick des schönen grünen Tals, das ich durchfahren hatte. Alles kam mir wieder klar ins Gedächtnis zurück.
Ich hob den Blick und sah ihn an, als er mich erneut fragte: „Welches Recht hast du, uns Einhalt zu gebieten?”
Und dann entgegnete ich mit der Gewißheit des Wissens und der geistigen Weisung: „Ihr müßt innehalten, denn wißt ihr, ich bin an einem Sonntagnachmittag durch das Cache-Valley gefahren.”
Da gab es kein Zögern, keine Wut, keinen überraschten Blick, keine Enttäuschung, sondern nur Gehorsam. Er drehte sich um, kehrte zu seiner Schar zurück, und sie verschwanden.
Ja, meine lieben Brüder und Schwestern, es liegt Macht darin, wenn man den Sabbat heiligt – Macht, anderen als auch sich selbst zu helfen. Wenn wir Gottes Segnungen und Schutz für uns selbst und unsere Familie, unser Gemeinwesen und unser Land haben wollen, dann müssen wir den Sabbat heiligen.
Mögen wir alle so leben, daß wir irgendwann, irgendwie und irgendwo, wenn wir uns etwas sehr Ernsthaftem gegenübersehen, sagen können: „Halt, halt, halt.” Und wenn wir dann nach dem Grund gefragt werden, mögen wir dann selbst sagen können, aufgrund von Gehorsam und des Vertrauens, das der Geist vermittelt: „Weil ich an einem Sonntagnachmittag durch das Cache-Valley gefahren bin.” Darum bete ich demütig im Namen des Erretters, der lebt. Ich weiß, daß er lebt, ja Jesus Christus. Amen.
Elder John H. Groberg, Januar 1985

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