Marcos Entscheidung

Veröffentlicht auf von Bettina

„Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!” (Exodus 20:8.)

Marco ging noch langsamer.

Irgendwie hatte er keine Lust, zum Mittagessen nach Hause zu gehen. Normalerweise lief Carlo mit ihm nach Hause, aber Carlo war ärgerlich.
„Warum kannst du nicht bei der Meisterschaft mitmachen?” hatte Carlo laut gefragt.
„Weil sie am Sonntag stattfindet.”
„Wenn du nicht mitspielst, müssen wir absagen!” hatte Carlo geschrien. „Giuseppe ist krank, und du bist unser einziger Torwart. Du mußt mitspielen!”
Als Marco zu Hause ankam, wollte er gar nicht ins Haus gehen. Aber er wußte, daß Mama und Papa auf ihn warteten, also stieg er langsam die Treppe zur Wohnung hinauf.
Mama war schon dabei, das Essen auf den Tisch zu stellen. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht”, sagte sie lächelnd. „Wasch dir schnell die Hände.”
Marco war überhaupt nicht nach Essen zumute. Aber nach dem Tischgebet biß er in das knusprige warme Brot. Dann machte er sich über die Klößchen her, die in der leckeren Tomatensoße schwammen. Es schmeckte ihm so gut, daß er sich allmählich besser fühlte.
„Was ist los?” fragte Mama. „Du bist heute so still.”
„Sie haben in der Schule den Fußballplan angeschlagen”, antwortete er.
„Ja?”
„Ich muß am Sonntag spielen.”
Mama und Papa sagten erst einmal gar nichts. Sie wußten, daß Marcos Mannschaft, die Blitze, eifrig trainiert hatten, um die beste Mannschaft von Mailand zu werden.
Papa war erstaunt. „Du meinst, die Spiele finden alle am Sonntag statt?”
„Nein, das Viertelfinale und das Halbfinale finden Samstag statt. Die Siegermannschaft von Samstag spielt dann am Sonntag im Endspiel.”
Marco konnte in Papas braunen Augen ein Zwinkern entdecken.
„Kopf hoch, Marco!” sagte er fröhlich. „Vielleicht verliert deine Mannschaft am Samstag! Dann mußt du Sonntag nicht spielen.”
Marco lächelte auch. Aber die Blitze waren sehr gut. Sie hatten eine gute Chance, am Samstag beide Spiele zu gewinnen. „Giuseppe hat Grippe, und Tommaso hat sich den Knöchel verletzt”, erklärte er. „Wenn wir Samstag gewinnen, muß ich Sonntag spielen — sonst müssen wir absagen. Was soll ich bloß tun?“
Mama legte den Arm um ihn. „Wir haben dir beigebracht, was richtig ist. Wenn deine Mannschaft gewinnt, wirst du dich sicher richtig entscheiden. Iß jetzt, sonst kommst du zu spät zur Schule.”
In der Schule flüsterten ein paar der Jungen miteinander und starrten Marco an. Carlo ignorierte ihn einfach. Es tat Marco schrecklich weh, daß er seinen besten Freund verlieren sollte.
Am Abend, beim Training sprach Carlo endlich wieder mit ihm. „Hast du es dir überlegt?” fragte er zornig.
Marco fing an, selbst auch böse zu werden. Dann fiel ihm Papa ein, und er grinste Carlo an. „Ich glaube, wir üben lieber, damit wir die Spiele am Samstag auch gewinnen”, sagte er. „Wenn du nicht bald anfängst, brauchen wir erst gar nicht an Sonntag zu denken.”
Am Freitagabend war Marco sehr unruhig. Er wünschte sich, seine Eltern hätten ihm gesagt, er sollte nicht spielen. Dann hätten die Jungen ihnen die Schuld in die Schuhe schieben können. Ihm war zwar furchtbar elend zumute, aber er kniete doch zum Beten nieder. Er betete heftig und wartete dann auf eine Antwort. Er wartete und wartete, aber es geschah nichts. Er fragte sich, ob der himmlische Vater ihn überhaupt gehört hatte. Aber dann spürte er ein warmes Gefühl über sich kommen, und ihm war ganz friedlich zumute. Alle Unruhe verschwand, und er wußte, daß schon alles irgendwie in Ordnung kommen würde.
Am Samstag schien die Sonne strahlend vom Himmel. Es waren nur vereinzelt ein paar Wolken zu sehen. Die Luft war frisch, es war ein herrlicher Tag zum Fußballspielen.
Marcos Mannschaft war gut vorbereitet und gewann das erste Spiel leicht. Nach dem Mittagessen schauten sich die Jungen den Nachmittagsplan an.
„Wir spielen gegen die Tiger!” stöhnte Carlo. „Sie haben die größten Jungen, die bei der Meisterschaft mitmachen.”
„Und die schnellsten”, meinte Marco. „Da müssen wir uns aber anstrengen, wenn wir gegen die gewinnen wollen.”
Gewinnen wollte Marco das Spiel schon gern, aber irgend etwas in ihm wünschte sich auch, daß sie verloren — dann brauchte er sich nämlich wegen Sonntag keine Gedanken mehr zu machen.
Es war ein hartes Spiel. Die raschen Tiger schossen das erste Tor, aber die Blitze kämpften verbissen und glichen aus. Danach schossen beide Mannschaften abwechselnd immer wieder ein Tor, bis es in den Schlußminuten 4:4 stand. Da gelang Carlo ein Kopfballtor, und die Blitze lagen wieder vorn.
Es war nicht einmal mehr eine Minute zu spielen. Carlo war wieder am Ball. Er dribbelte zwischen den Tigern auf das Tor zu. Da stolperte er plötzlich und verlor den Ball! Die Tiger schossen ihn mit langen, sicheren Pässen direkt auf Marco zu. Marco stand vor seinem Tor – es waren nur noch wenige Sekunden zu spielen. Wenn er den Ball nicht ins Netz ließ, hatten die Blitze gewonnen!

Ein Tiger schoß – es war ein harter Schuß! Er war auf die eine Ecke des Tores gerichtet – gerade außer Marcos Reichweite. Marco hatte das Gefühl, ihm setzte das Herz aus. Er warf sich mit aller Kraft nach rechts. Der Ball prallte in dem Moment von seinen Händen ab, als der Schiedsrichter pfiff. Er hatte es geschafft! Die Blitze hatten gewonnen!
Marcos Mannschaftskameraden machten Freudensprünge und jubelten. Marco stand auf und wischte sich den Schmutz ab. Er sah seine Eltern auf sich zukommen. Sie winkten ihm lächelnd zu. Der leitende Schiedsrichter war bei ihnen.
„Marco, du hast gut gespielt”, sagte Papa und nahm ihn in den Arm. Dann sagte er, mit Blick auf den Schiedsrichter: „Ich möchte dich Signor Giovetti vorstellen.”
„Guten Tag, Signor Giovetti”, sagte Marco höflich.
„Guten Tag, Marco. Das war ein großartiges Spiel. Aber dein Vater hat mir erzählt, du hättest ein Problem.”
„Ich kann morgen nicht spielen”, sagte Marco. „Dann muß die Mannschaft absagen, weil wir keinen anderen Torwart haben.”
„Warum kannst du denn nicht mitspielen?”
„Das Spiel findet während der Abendmahlsversammlung meiner Kirche statt”, antwortete Marco. „Da muß ich hin. Aber auch wenn das Spiel später stattfinden würde, würde ich am Sonntag nicht spielen.”
„Aha.” Der Schiedsrichter dachte kurz nach und sagte dann: „Warte hier. Ich bin sofort wieder da.”
Die Mannschaft scharte sich um ihn. Als Signor Giovetti zurückkam, hatte er noch einen Mann bei sich. „Marco, das ist Signor Luigi. Er ist der Trainer der Mannschaft, gegen die ihr morgen spielen sollt.”
„Guten Tag, Marco”, sagte Signor Luigi. „Ich glaube, wir haben das gleiche Problem. Zwei von unseren besten Spielern haben sich heute verletzt. Wir haben zwar noch genug Jungen, um morgen zu spielen, aber wir wären nicht in bester Besetzung. Ich würde das Spiel gern verschieben. Wäre das den Blitzen recht?”
Marco schaute seine Freunde und den Trainer an. Alle nickten. Da fragte Marco: „Wann spielen wir denn dann?”
„Nächsten Samstag”, antwortete der Schiedsrichter. „Früh am Morgen.”
Als Marco nach Hause ging, war er müde aber glücklich. Auch wenn die Blitze die Meisterschaft nicht gewannen, würde sie ihm doch immer als Sieg im Gedächtnis bleiben.
Paula Hunt, Kinderstern März 1992

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